„Ja Herr Humm, sehr gerne. Nächste Woche steht ein R8 für Sie bereit“. Wie sich das anfühlt? Na ja, vielleicht wie ein kleines Kind, das sich auf Weihnachten freut. Oder vielleicht wie die Vorfreude auf ein Date mit einer liebreizenden Schönheit. Irgendwas in diese Richtung jedenfalls. Auch wenn ich schon mit vielen Sportwagen das Vergnügen hatte, der neue R8 V10 plus ist eine Ansage. Immerhin ist es der schnellste Audi aller Zeiten.

Als das ultraflache und breite Projektil dann endlich vor mir stand, spielten meine Gefühle Ping Pong. Einerseits Vorfreude auf das was gleich passieren würde, andererseits wartete hier ein rund 200.000 Euro teures und 610 PS starkes Prestigeobjekt aus Neckarsulm (Sitz der Quattro GmbH). Den in den Sand zu setzen wäre fatal. Doch nach dem Einsteigen, was ein wenig Gelenkigkeit voraussetzt, fühlt man sich gleich geborgen und heimisch. Trotz Sportwagentypisch tiefer Sitzposition sowie den bequemen und umklammernden Sportsitzen ist es doch ein Audi. Was positiv gemeint ist. Beste Materialien, extrem solide Verarbeitet, modernstes Infotainment, wohlduftendes Leder. Alles richtet sich zum Fahrer hin. Hier möchte man nicht mehr aussteigen.

Der 5,2 Liter V10 wartet auf meine Befehle. Als Soundfetischist war ich natürlich mega gespannt auf die Geräuschkulisse des hochdrehenden Saugmotors. Mittlerweile stellt jeder Hersteller auf Turbo-Motoren um. Was sicherlich seine Vorteile bietet. Doch emotional gesehen ist der Sauger nun mal in Sachen Sound und Ansprechverhalten nicht zu toppen. Der gleiche Motor kommt übrigens auch im Lamborghini Hurracan zum Einsatz. Schon zum Start werde ich mit einem heißeren Brüller begrüßt. Los geht’s. Wer eine schwer zu fahrende Diva erwartet, wird enttäuscht. Völlig easy gleite ich durch den Stadtverkehr. Mal abgesehen von der tiefen Sitzposition und der vergleichsweise schlechten Sicht – zumindest nach hinten – fährt sich der R8 wie ein ganz normales Auto.

Doch Normal ist ein dehnbarer Begriff. Natürlich möchte ich wissen was geht. Erst mal raus aus der Stadt. Wahlschalter auf Sport und Vollgas. 610 PS in Verbindung mit Allradantrieb, ein blitzschnell schaltendes 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe und weiche 305er Hinterreifen prügeln den R8 mit furchteinflößendem Gebrüll in null Komma nichts in Geschwindigkeitsregionen, die ich hier lieber nicht erwähne. 3,2 Sekunden benötigt der Audi auf 100 km/h. Auf 200 sind es lediglich 9,9. Von Kollegen wurden sogar Werte von 2,9 bzw. 9,3 Sekunden gemessen. Was nicht nur die pure Kraft widerspiegelt, sondern vielmehr die Traktion und die Verschliffenheit der einzelnen Komponenten. Sehr eindrucksvoll ist auch die Geschwindigkeitszunahme über 200 km/h. Wo vielen Autos die Puste ausgeht, legt der R8 noch mal richtig zu. Bis dann bei 330 km/h die Fahrwiederstände doch zu groß werden.

Kurven kann der Mittelmotor Sportler ebenfalls. Seine Lenkung ist ultra präzise und direkt. Nichts scheint ihn aus der Ruhe zu bringen. Die erreichten Kurvengeschwindigkeiten sind beispielsweise höher als bei einem Porsche 911 Turbo S oder einem McLaren 570S. Das will schon was heißen. Serienmäßige Keramikbremsen stauchen den R8 bei Bedarf zusammen. Druckpunkt, Wirkung und Dauerbelastbarkeit sind auf absolutem Top-Niveau. Nebenbei, was sehr interessant ist, im Vergleich zu o.g. Konkurrenten ist der R8 beim Beschleunigen, in den Kurven und beim Bremsen auf Augenhöhe oder sogar im Vorteil. Doch warum war bei einem Vergleichstest in einem großen Magazin der R8 auf der Rennstrecke langsamer? Der Grund liegt beim heraus beschleunigen aus Kurven. Zu wenig Drehmoment. Mit „nur“ 560 Nm bei recht hohen 6500 1/min kann er mit den Turbo-Triebwerden nicht mithalten. Nicht falsch verstehen. Das ist alles relativ. An Kraft mangelt es dem Audi ganz und gar nicht. Immerhin spielt er in der Top-Liga.

Wie auch die Kosten. Klar dass so ein Bolide richtig Geld kostet. 190.000 € Grundpreis, Unterhaltskosten, Verbrauch. Also nichts für Normalverdiener. Apropos Verbrauch. Mit  14-15 Liter pro 100 km kommt man hin. Verfällt man so wie ich öfters dem Beschleunigungsrausch, dann stehen auch schon mal über 24 Liter an. Aber das spielt dann auch keine Rolle mehr.

Fazit: Meine Zeit mit dem R8 war im Nachhinein wie ein Traum. Irgendwie nicht real. Viel zu schnell und exotisch für den Rest der Verkehrsteilnehmer. Viel zu teuer und immer diese Angst, dass was passiert. Anstrengend und Belastend. Habe ich das wirklich gesagt. Quatsch. Der R8 ist so was von maga scharf. Dieser Gänsehaut-Sound. Diese unglaubliche Beschleunigung. Ein Gedicht von einem Motor, der locker bis 8.500 1/min dreht. Einfach alles. Aber nützt ja nichts…

Text: Gernot Humm

Bilder: Audi

Technische Daten:

Motorbauart:                          V10

Einbaulage:                            Mitte hinten längs

Ventile / Nockenwellen:         4 pro Zylinder / 4

Hubraum:                               5204 cm³

Bohrung x Hub:                     84,5 x 92,8 mm

Verdichtung:                           12,5 : 1

Leistung kw/PS b.1/min        449 / 610 / 8250

Literleistung:                          117 PS/l

Drehmoment Nm b.1/min      560 / 6500

Antrieb:                                  Allrad

Getriebe:                                7-Gang-Doppelkupplung

Bremsen vorn:                       380 mm/innenbelüftet/gelocht

Bremsen hinten:                     356 mm/innenbelüftet/gelocht

Bremsscheibenmaterial:         Carbon-Keramik

Radgröße vorn/hinten:           8,5 x 20 – 11 x 20 (bei Testwagen)

Reifengröße vorn/hinten:       245/30 – 305/30 R20 (bei Testwagen)

Länge/Breite/Höhe                 4426/1940/1240 mm

Radstand:                               2650 mm

Tank-/Kofferraumvolumen:   73 / 112 l

Leergewicht:                          1580 kg

Leistungsgewicht:                  2,7 kg/PS

Beschleunigung 0-100 km/h: 3,2 Sekunden

Beschleunigung 0-200 km/h: 9,9 Sekunden

Höchstgeschwindigkeit:         330 km/h

Grundpreis:                            190.000 €