Cityguide Rhein Neckar im Interview mit Sammy Amara (Broilers)

„Unsere Musik ist nicht ‚Löwenzahn‘“

Noch in den 90er Jahren war sie die Vorreiter eines linken, antikapitalistischen Oi!-Punks par excellence, heute stehen sie an der Spitze der Album-Charts – vor ihrer Show am 15. Dezember in der Mannheimer Maimarkthalle haben wir mit „Broilers“-Frontmann Sammy Amara über Erfolg, Authentizität und den Punk von Morgen gesprochen.

Wenn man sich die Musik der Broilers näher ansieht, sieht man da erst einmal eine Szene-Band, die ja aus dem Oi!-Bereich kam, aber immer massenkompatibler wurde. Trifft man diese Entscheidung irgendwann, oder geschieht einem das so?
Sammy Amara: Uns ist das tatsächlich zugestoßen, genau wie der Erfolg. Da gab es nie einen Plan, da gab es ab einem gewissen Punkt noch nicht einmal den Wunsch danach. Klar, als wir mit 12 Jahren anfingen Musik zu machen, war dieser Wunsch da, weil wir ja auch wussten, dass wir die Weltherrscher werden. Aber als wir dann irgendwann eine ernste Band wurden, war das unfassbar weit weg, erfolgreich zu sein, oder überhaupt mit der Musik Geld zu verdienen. Das war ja auch irgendwie der Feind. Das war tatsächlich unvorstellbar, dass du als Oi!-Punk-Band mal in den Charts auftauchst.

In der Szene kann genau dieser Erfolg natürlich auch leicht zum Vorwurf werden – denn die Charts und der Antikapitalismus mögen sich bekanntlich ja nicht so sehr. Beschäftigt einen das – und wie geht man damit um?
Amara: Man nimmt sich diese negative Kritik sicher zu Herzen, aber es gibt auch erfreuliche Signale. Neulich schrieb einer der linken St. Pauli-Skinheads, dass er uns nicht mehr hört, aber völlig respektiert, was wir erreicht haben und wie wir es erreicht haben. Weil das authentisch ist: Dass wir langsam gewachsen sind, um an den Punkt zu kommen, an dem wir jetzt stehen. Das war ein sehr, sehr großes und schönes Kompliment für uns.

Die „Broilers“ sind deine erste Band – viele Künstler brauchen ein halbes Leben, um den Platz zu finden, an dem sie künstlerisch zu Hause sind. Hat es dich überrascht, oder war es vielleicht sogar entscheidend, dass du in all den Jahren ein Team um dich hattest, mit dem du wachsen konntest?
Amara: Ich glaube, das war extrem wichtig – weil einem das auch Sicherheit gibt. Natürlich gibt es auch Momente, in denen wir uns streiten – und auch aus meiner Natur heraus mache ich auch manchmal dicht und sage: Die Welt ist gegen mich. Aber das Wichtigste ist, dass du nie aufhörst miteinander zu reden und Lösungen zu finden. Genau deswegen hoffe ich, dass das auch so bleibt, weil wir uns immer einig waren, dass uns die Freundschaft zueinander wichtiger ist, als die Band oder der Erfolg. Wir würden unsere Freundschaft auf keinen Fall aufs Spiel setzen, um gewisse Dinge durchzupeitschen. Diese Wahnvorstellung, dass einer um die Ecke kommt und sagt: „Dich mag ich, aber deine Bandmitglieder nicht“ – da wussten wir früh, dass wir sowas nicht mitmachen.

Ihr macht seit den 90er Jahren Musik, aber die Zeit des großen Erfolgs ist ebenso jung wie raketenartig – wie geht man mit diesem Wandel um, vom kleinen Club bis hin zu „Rock am Ring“?
Amara: Wir haben eigentlich immer versucht, uns alles davon zu bewahren, weil die Atmosphäre so unterschiedlich ist. Wir spielen zum Aufwärmen immer ein paar ganz kleine Club-Shows – und das ist geil, weil diese unmittelbare Intensität einfach der Wahnsinn ist. Du kannst sofort alle Leute erreichen und schwitzt, egal, was du machst. Dann gibt es diese größeren Hallen, in denen du mit 10.000 Leuten eingepfercht bis und auch eine großartige Stimmung hast, wenn wir uns gut anstellen und die Festivals, in denen alles ausufern kann und darf. Es ist einfach extrem schön, dass wir alle drei Disziplinen absolvieren dürfen.

Wie bekommt man das auf Dauer hin, nicht Musik wie jemand anderes zu machen? Man weiß, dass die „Hosen“ zu deinen Ikonen gehören auch der frühe Punk hat euch am Anfang ja stark beeinflusst. Wie bleibt man da bei sich selbst, oder muss man sich auch mit ändern?
Amara: Man muss sich immer verändern. So sehe ich das zumindest. Immer die gleiche Platte aufzunehmen, so wie „Motörhead“ das gemacht haben, kann man machen, das respektiere ich auch – es gibt mir aber nichts. Ich habe das Gefühl, dass ich mir als Songwriter und uns als Band über Veränderung treu bleibe. Weil wir ja auch neue Stile höre, neue Musiker kennen lerne, die uns inspirieren und dazu auch stehen. So kreiert man letztlich einen Stil; indem man eben auch mal auf sich vertraut und nicht überall hinschielt, wie dieser oder jener Künstler das eigentlich macht, sondern mit dem arbeitet, was man hat. So mache ich das auch mit meiner Stimme. Ich sage immer: Das ist ein hässliches Pferd, aber ich habe gelernt, es zu reiten. Und ich bin wirklich froh, dass wir diesen Stil für uns gefunden haben.

Ist das noch Punk – und muss es das vielleicht auch sein?
Amara: In den Wurzeln ist es sicherlich noch Punk, aber insgesamt würde ich uns als Rock-Band mit Punk-Einflüssen bezeichnen. In unserer Attitüde ist es an vielen Ecken und Enden auch noch Punk, aber letztlich ist mir das auch nicht mehr so wichtig, welches Etikett uns die Leute nun verpassen. Denn wenn man einmal verstanden hat, dass man es niemals allen recht machen kann, dann lebt es sich sehr viel unbeschwerter.

Will man denn trotzdem mehr, als man kann?
Amara: Ja. Ich muss auch ganz klar sagen: Es gibt in der Nachbetrachtung Songs von uns, die nicht so ultrageil waren. Wir wollten eben wissen, was wir können und nein, 2007 konnten wir noch kein „Blue-eyed Soul“ machen, aber trotzdem probieren wir Dinge aus und wollen uns auch trauen, das zu probieren.

Muss vielleicht alles erst einmal schiefgehen, damit es irgendwann richtig wird?
Amara: Ich glaube, alles andere wäre unnatürlich. Ich kann mir nicht so richtig vorstellen, dass jemand ohne Fehler ist. Ich würde ihn beglückwünschen, aber wir haben uns zu der Band gemacht, die wir sind und das geht voll in Ordnung so. Das sieht man auch an unserem neuen Album „(sic!)“, das wir ja metaphorisch vergewaltigt haben. Aber das ist natürlich auch ein Statement, das sagt: So und nicht anders musste das sein. Alle Fehler, die da waren, waren bewusst.

Wenn der Erfolg kommt, kommt auch der Drang nach Perfektionismus. Wie belässt man die Fehler, die es braucht, damit das Ganze echt bleibt?
Amara: Ich kann auf gewisse Weise nachvollziehen, warum Bands auf ömmeligem Scheiß-Equipment in Scheiß-Studios eine Platte aufnehmen, die so klingen soll, als wenn sie 1970 aufgenommen wurde, aber auf der anderen Seite ist es doch vollkommen dämlich. Die Bands damals sind ja auch nicht ins Studio gegangen und haben gesagt: Lass uns doch mal so richtig scheiße klingen – sondern sie wollten so gut klingen, wie sie das bezahlen konnten. Manchmal wäre es natürlich schön, wenn man ein bisschen früher loslassen könnte, weil ich schon perfektionistisch veranlagt bin, aber all das Fehlerhafte, das du hörst, ist das Beste, was ich zu diesem Zeitpunkt tun kann.

Wenn das erste Album die Nummer 1 der Charts wird: Kann man das als Punker glauben?
Amara: Nein, das glaubt man nicht – und das war auch ein extrem besonderer Moment. Aber es ist natürlich auch ein Fluch. Denn was ist das Ende vom Lied? Dass man hofft, dass jede nächste Platte auch auf die Eins geht. Das gibt natürlich keiner zu, aber so ist es.

Du machst ja nicht nur Musik, sondern hast Design studiert und arbeitest ja seit Jahren auch als Grafikdesigner. Hat sich die Frage denn jemals gestellt: Design oder Musik?
Amara: Bis 2011 war es ja noch komplett undenkbar, dass die Musik überhaupt unser Beruf werden kann. Mir war klar: Das Design wird mich ernähren und die Musik wird mein Hobby sein. Dass dieser Switch dann irgendwann doch möglich war, ist natürlich gigantisch. Weil ich immer selbständig gearbeitet habe, hatte ich natürlich am meisten zu tun, aber für alle anderen, die normale Arbeitsverhältnisse hatten, war das natürlich eine riesige Erleichterung.

Man hat selbst seine eigenen Ikonen, doch wenn man selbst anfängt ein Vorbild zu werden, macht man sich vielleicht auch noch mehr Gedanken, wie man auf die anderen wirkt. Wie gehst du damit um?
Amara: Was ich nicht sein lasse, ist mich zu benehmen, wie ich mich fühle. Es gibt Fotos von mir und auf dem Großteil davon habe ich ein Getränk in der Hand und wenn ich rauchen würde, hätte ich auch eine Zigarette in der Hand. Man muss sich klar sein: Wir machen Musik für Erwachsene. Wenn Jugendliche dabei sind, ist das okay, aber wir haben keinen Erziehungsauftrag. Wir werden in Lieder Schimpfwörter benutzen und wir werden damit auch über gewisse Schmerzgrenzen gehen. Wir taugen als Vorbild ab einem gewissen Alter, aber wir verändern uns nicht dafür, denn unsere Musik ist nicht „Löwenzahn“. Aber ich weiß, dass es unfair wäre, wenn ich jetzt besoffen oder verkatert auf der Bühne stehen würde, weil wir jede Menge Gäste haben, die viel Eintritt dafür bezahlt haben, uns zu sehen. Wir wissen, was wir für eine Verantwortung haben und die nehmen wir auch ernst.

Wenn man so viel in so kurzer Zeit erreicht hat, was will man das noch? Wo will man noch hin?
Amara: Wir haben so eine kleine imaginäre Spaß-Liste mit Zielen, die wir haben – die verraten wir aber keinem, außer sie werden irgendwann mal geknackt. Wir haben auf dieser Liste schon ziemlich viele Striche machen können, aber ich habe jetzt auch ein Alter erreicht, wo ich mir eigentlich am meisten wünschen würde, wenn wir gesund als Freunde zusammen bleiben können.