„Ich habe immer das Zauberhafte gesucht“

Kurz vor dem Millennium sind sie mit ihrem Projekt im Untergrund musikalisch vergangener Urzeiten gestartet – heute gelten „Faun“ als Aushängeschild der mittelalterlichen Folk-Musik, die zart und melancholisch flüstern, aber auch von den Brutalitäten keltischer Herrscher zeugen kann. Ehe das Sextett aus Gräfeling mit seiner akustischen „Medieval Ballads“-Tour am 9. Dezember in Worms Halt macht, haben wir mit Bandgründer Oliver „SaTyr“ Pade gesprochen.

Wenn man fast zwei Jahrzehnte im Musikgeschäft ist und einen Stil verkörpert, der sonst gerne an den Rand gedrängt wird: Wie schaut man auf diese Zeit zurück?

Oliver Pade: Zum einen sind wir natürlich extrem dankbar, denn der Musikmarkt ist ein extrem schwieriger. Sich permanent neu zu erfinden und auch wirklich davon leben zu können, ist alles andere als selbstverständlich. Aber wir haben sehr treue Fans und eben auch eine Nische gefunden, in der wir florieren konnten, weil wir hier zu Hause sind.

Mit einer so speziellen Musik wie dem Folk Rock nicht nur in die Charts zu kommen, sondern Gold- und Platinauszeichnungen zu erwerben ist eine Auszeichnung an sich. Wie sehr nimmt man darauf Rücksicht? Komponiert man vielleicht sogar anders, um erfolgreich zu bleiben, oder wie sehr muss man seinem eigenen Genre auch treu bleiben, um die Fans nicht zu vergraulen?

Pade: Auf unseren Konzerten hat sich das Publikum aus der Mittelalter- und Gothic-Szene immer mit Kulturpublikum und dem Mainstream gemischt. Deswegen hatten wir eigentlich von Anfang an den Eindruck, dass wir noch viel mehr Menschen ansprechen können. Wir hatten aber das Problem, dass wir die Menschen vor unserem Schritt zum Label immer nur sehr begrenzt erreicht haben. Entdeckt zu werden, war da eine echte Befreiung. Plötzlich mit Fernsehwerbung, Presse und Foren in der Öffentlichkeit zu stehen war für uns ein riesiger Multiplikator, der maßgeblich dazu beigetragen hat, dass unsere vermeintlich sperrige Musik plötzlich in den Charts stattgefunden hat. Natürlich machst du für so einen Erfolg auch ein paar Kompromisse, aber letztlich war es das Potential, das wir mitgebracht haben, das wir da wirkungsvoll zeigen konnten.

Wenn man die Freiheit für seinen künstlerischen Ausdruck braucht: Hadert man auch mit dem Weg zu einem Major Label?

Pade: Wir haben mit diesem Schritt auf jeden Fall gehadert. Wir haben ja immer die Musik gemacht, die wir machen wollten und wollten auch nach wie vor alles selbst machen. Fünf Labels haben wir deswegen auch abgesagt. Wir waren aber in einer Phase, in der die Zuschauerzahlen stagniert sind, obwohl wir höhere Ansprüche hatten und wussten: Wir schaffen das nicht mehr alleine. Und dann kam eben ein Label auf uns zu, das uns sagte, dass es nicht nur die klassische Label-Arbeit übernimmt, sondern auch mit dem Fernsehen zusammenarbeitet. Und dann wussten wir: So eine Chance bekommen wir nur einmal – und haben es ausprobiert.

Die Popularität des Mittelalters zu verkörpern und gleichzeitig intime Shows auf der Tour zu präsentieren, aber auch zu wissen, dass die Musik auf Jahrmärkten wie dem „Spectaculum“ funktionieren muss: Wie geht das zusammen?

Pade: Ich glaube einer der Schlüsselpunkte hier ist, dass wir ganz verschiedene Shows bieten. Wenn wir auf Festivals spielen, müssen wir natürlich das große Fest mit Schlagzeug und spektakulärer Show zelebrieren, aber was wir jetzt zum Beispiel in Worms machen, ist, dass wir mit einer sehr intimen Show an das Publikum herantreten. Der Saal ist bestuhlt, wir suchen uns bewusst ruhige Lieder aus, die sich auch wirklich die Zeit nehmen, Geschichten zu erzählen. Das werden Balladen sein, die auch viel mit der Harfe funktionieren und grandios zu der Winterzeit passen, weil sie von Trollen und Drachen erzählen, die auch aus einem Buch stammen können, dann aber durch uns durch die Boxen schallen.

Was ist denn nach all den Jahren noch die Faszination an diesen Stoffen? Erzählen die sich denn nie aus?

Pade: Für mich ist das die gleiche Faszination, die ich schon von Anfang an hatte. Ich war noch in der Schule, als ich auf Mittelaltermärkte gekommen bin und dann recht bald auch als Trommler Teil einer Gauklergruppe wurde. Ich habe mich da unglaublich wohl gefühlt, weil es eine kleine, aber auch sehr authentische Szene ist: Diese Menschen, die unter freiem Himmel kreativ sind und Handwerk betreiben – das hat mich fasziniert. Selbst sieben Jahre bevor es „Faun“ gab, habe ich mich da schon extrem wohl gefühlt, obwohl ich ein bisschen fernab dessen war, was die Szene verkörpert. Denn auch, wenn es recht derb zugeht und das Trinken eine wichtige Rolle spielt, habe ich im Romantischen immer das Zauberhafte gesucht und gefunden.

Viele Menschen brauchen ein Leben, um als Künstler ihren Bestimmungsort zu finden: Sie haben ihn mit „Faun“ einen Raum geschaffen, der nun schon seit fast zwei Jahrzehnten besteht. Nennt man das Heimat?

Pade: Das ist natürlich der unglaubliche Vorteil, wenn man eine Band mit gründet. Ich habe damals etwas gegründet, das mir unglaublich am Herzen lag, und dem bin ich treu geblieben. Das fiel mir nicht schwer, weil sich meine Interessen nie wirklich verschoben haben. Ob wir eine CD über Wikinger oder die Abgründe der Menschheit gemacht haben: Das sind auch heute noch die Themen, die mich absolut faszinieren und widerspiegeln. Und das ist auch essentiell, denn wenn ich nicht mit allem hinter dem stehe, was ich hier mache, bekommt es das Publikum als erstes mit.

Bestechend an „Faun“ ist ja vor allem die Vielfalt, die mit enormer Qualität wiedergegeben werden muss. Wie funktioniert das?

Pade: Das funktioniert vor allem deswegen so gut, weil wir mit „Macbeth“ oder alten keltischen und germanischen Mythen zwar die Themen aus der Vergangenheit beziehen, die Melodien aber alle selbst schreiben – und zwar oft ganz spontan. Da wir alles Live-Musiker sind, jammen wir oft zusammen und wenn dann einer von uns seinen Partner vermisst, entsteht schnell ein Song über die Sehnsucht, der uns dann alle berührt und das ist der Vorteil: Dass wir eben nicht einen Songwriter haben, sondern alle an den Nummern mitarbeiten.

Die Experimentierfreude von der Schalmei, über das Oud bis zur Nyckelharpa auch instrumental immer etwas zu wagen, gehört ja essentiell zu „Faun“. Wie findet man denn das richtige Instrument zum richtigen Song und wie viel Vergangenheit braucht die Mittelaltermusik eigentlich?
Pade: Gerade für die Akustik-Tour ist das natürlich eine ganz besonders wichtige Frage. Da haben wir dann solche Balladen mit einem Ritter, der nach Hause kommt und dort auf das Trollweib trifft, das ihn auf die Wanderschaft schickt, um riskante Aufgaben zu erfüllen. Das dann mit exotischen Instrumenten auszufüllen, ist natürlich extrem interessant. Die romantischen Teile erzählen wir mit der Harfe, und wenn etwas Spannendes passiert, kommen wir mit dem Dudelsack oder der Drehleiher und nutzen die starken Klangfarben, um damit etwas Neues zu erzählen.

Wenn man es in einem Genre so weit gebracht hat wie „Faun“ – was will man dann noch? Was sind die Ziele?

Pade: Was schön ist, war schon immer, dass wir da gar keinen so genauen Plan hatten. Wir sind immer dem natürlichen Gang der Dinge gefolgt. Wir haben geschaut, was uns gefällt und inspiriert und hatten dann das Glück, Menschen zu finden, die unser Potential gesehen haben und uns unterstützen wollten. Aber auch jetzt ist es nicht so, dass wir einen Masterplan haben oder unbedingt auf die Nummer 1 kommen wollen – dafür ist unsere Musik auch zu speziell. Wenn es einen Wunsch gibt, dann, dass unsere Musik um die Welt reisen kann. Wenn das gelingt, haben wir viel erreicht.

Fotocredit Kees Stravers