Interview mit Sam Gabarski und Michel Bergmann

Es waren einmal in Deutschland … David Bermann (Moritz Bleibtreu) und seine sechs jüdischen Freunde, die davon träumen Deutschland nach dem Krieg 1946 zu entfliehen und wie viele andere in die USA auszuwandern. Schließlich kommt Bermann DIE Geschäftsidee, um das nötige Geld dafür aufzutreiben: Was brauchen die Deutschen jetzt wohl am meisten? Mit ihrem Charme und ihren unglaublichen Geschichten ziehen die jüdischen Holocaustopfer von Tür zu Tür, um den deutschen Hausfrauen Wäsche feinster Art zu verkaufen.

Doch scheinbar liegt hinter Bermann eine mysteriöse Vergangenheit, die US-Offizierin Sara Simon (Antje Traue) aufzudecken versucht. In den Verhören mit dem charmanten Geschäftsmann will sie seinen Erinnerungen sowie einer möglichen Kollaboration mit den Nazis auf die Spur kommen.

Zum Kinostart von „Es war einmal in Deutschland“ am 6. April sprechen Regisseur Sam Gabarski und Buchautor Michel Bergmann im Interview über die Herausforderungen bei der Adaption des Romans sowie bei den Dreharbeiten, über den jüdischen Humor und Juden in Nachkriegsdeutschland.

Herr Bergmann, ES WAR EINMAL IN DEUTSCHLAND basiert auf Ihrem 2010 erschienen Romandebüt „Die Teilacher“. Wie ist die Idee zum Roman entstanden? 

Michel Bergmann: Die Idee hatte ich schon viele Jahre, weil ich aus einer Teilacherdynastie stamme. Mein Vater ist so ein bisschen die Figur des Holzmann. Er hatte kurz nach dem Krieg aus Paris kommend in Frankfurt wieder einen Wäschegroßhandel aufgemacht, zusammen mit seinem Bruder David, und hatte Handelsreisende, die über Land fuhren, um den Leuten, ganz ähnlich wie im Film, Wäschepakete aufs Auge zu drücken. Die Idee, daraus eine Geschichte zu machen, hatte zwei Gründe. Zum einen wollte ich meinem verstorbenen Onkel David ein Denkmal setzen, der der „König“ der Teilacher war und ein grandioser Witzeerzähler. Der andere Grund war, dass es über die Einwanderung der jüdischen Holocaustopfer nach Deutschland bis dato nichts zu lesen oder sehen gab. Es war ein weißer Fleck im kollektiven Gedächtnis der Deutschen. Da ich damals überwiegend als Drehbuchautor fürs Fernsehen arbeitete, habe ich verschiedenen Sendern den Stoff als Fernsehspiel angeboten. Und ich bekam nur Absagen, sehr wohlwollende, aber Absagen. Dann habe ich angefangen, einen Roman aus dem Stoff zu entwickeln, der schließlich 2010 als „Die Teilacher“ erschien. Mir war aber angesichts der Fülle des Materials früh klar, dass es eine Trilogie werden würde. Dass es jetzt verfilmt wurde und auch noch unter Mitwirkung des Fernsehens ist natürlich eine kleine Genugtuung für mich.

Herr Garbarski, was hat Sie dazu bewogen, den Roman zu verfilmen? 

Sam Garbarski: Ich fühlte mich erstmal geschmeichelt, dass Michel Bergmann mir das Buch zukommen lassen wollte, um daraus eventuell einen Film zu machen. Als ich es gelesen habe, ist mir etwas passiert, das hatte ich nur zwei, drei Mal im Leben: ich konnte nicht aufhören und habe es in einer Nacht durchgelesen. Ich hatte das Gefühl, im Suppentopf meiner Mutter zwischen den Knödeln und Nudeln herumzuschwimmen. Ich fühlte mich in dieser Welt und bei diesen Menschen sofort zuhause. Auch wenn meine Familie keine Teilacher waren, habe ich mich absolut wiedergefunden. Ein Wahnsinnsgefühl! Und ich habe gar nicht nachgedacht, sondern gleich Michel angerufen und gesagt: ich mach’s!

Was waren die Herausforderungen, den Roman zu einem Drehbuch zu adaptieren? 

Bergmann: Der Roman ist im Grunde eine große Rückblende, die Geschichte beginnt nach dem Tod des alten David Bermann und blickt auf sein Leben zurück. Im Film mussten wir das zwangsläufig auf einen kürzeren Zeitraum komprimieren, ohne den Geist und die Seele der Geschichte zu verlieren. Wir haben dabei sehr intensiv und gut zusammengearbeitet und ich bin Sam sehr dankbar, weil er der Realistischere und Pragmatischere war, er hat Ideen immer gleich auf die Machbarkeit abgeklopft. Er kam schon früh auf die Idee, es innerhalb von zwei Jahren spielen zu lassen, 1946/47. Das war für mich anfangs nicht ganz einfach, weil ich als Autor auf viele Episoden und Figuren verzichten musste, die mir ans Herz gewachsen waren. Kill Your Darlings, heißt es ja, und das kann auch wehtun.

Neben den sehr bewegenden Momenten ist Humor ein ganz wichtiges Element im Film. Wie gelingt diese Balance? 

Bergmann: Diese Brechung war schon ein wichtiger Teil der Romane. Die Nazis werden nicht entschuldigt, aber es gibt immer wieder ein Augenzwinkern, dass es dem Publikum leicht macht, die Geschichte ohne schlechtes Gewissen zu lesen. Ich meine damit nicht Kumpanei. Es ist fürchterlich, was passiert ist, aber wir haben es hier mit Stehaufmännchen zu tun.

Garbarski: Das sind Lebenskünstler, oder besser gesagt, Überlebenskünstler. Das hat viel mit jüdischem Humor zu tun. Und der ist gar nicht so lustig, sondern eher philosophisch. Das ist eher bewegend als zum Schenkelklopfen. Das ist Überlebensmedizin. Das Absurde an Davids Geschichte ist ja, dass er überlebt hat, weil er Witze erzählen konnte. Es hat ihm das Leben gerettet und zugleich fällt es ihm schwer damit zu leben, dass er der Clown der Henker seiner Familie war.

Wie waren die Dreharbeiten? 

Garbarski: Die hätten ja eigentlich sechs Monate vorher stattfinden sollen. Auf dem Weg zum ersten Drehtag komme ich am Bahnhof in Brüssel an und falle so unglücklich, dass ich mir den Quadrizeps reiße. Ich musste ins Krankenhaus und operiert werden und fiel danach monatelang aus. Wir hatten unglaubliches Glück, dass fast alle ein halbes Jahr später wieder Zeit hatten und wir mussten nur ein paar Szenen umschreiben. Aber so hatte ich auch mehr Zeit zum Vorbereiten. Nichtsdestoweniger, ganz kurz vor dem zweiten Drehbeginn, hat mir meine weibliche Hauptrolle aus gesundheitlichen Gründen absagen müssen. Es scheint alles im Sinne eines gewissen Schicksals gewesen zu sein. Die Stimmung am Set war dann wirklich sehr „Ensemblefilm“ und fast entspannt. Die gesamte Bande sind wirklich ganz tolle Menschen, mit denen gehe ich so gern mal Essen gehen und würde wahrscheinlich sogar mit ihnen in den Urlaub fahren.

Warum ist es wichtig, die Geschichte der Teilacher einem großen Publikum zu erzählen?

Garbarski: Im Grunde hat es Michel vorhin schon gesagt. Die Tatsache, wie Juden nach dem Ende des Dritten Reichs nach Deutschland zurückkehren konnten und bleiben, ist mehr als schwer zu verstehen und wurde zuvor in keinem Buch oder Film zum Thema. Und dann nach einer Antwort zu graben, wo es eigentlich keine gab. Sie hatten vielleicht ihre Gründe, aber es wurde nicht darüber geredet. Und dem spürt der Film nach. Es ist eine kleine Geschichte, die Teil einer größeren Geschichte ist, die wiederum Teil der ganz großen Geschichte ist.

Bergmann: Das ist eine Erfahrung, die ich schon bei vielen Lesungen mit dem Roman gemacht habe. Anfangs hatte ich mich gefragt, warum setzen sich in Weinheim, Gütersloh oder Würzburg oft 200, in Erlangen sogar 1.400 Leute hin und hören sich das an? Und dann habe ich begriffen, dass ich zwar eine für sie recht exotische Geschichte erzählt habe, aber Krieg und Flucht kannten viele Zuhörer als eigenes Familienschicksal. Und gerade heute hat es wieder eine schreckliche Aktualität, viele Menschen sind heimatlos und versuchen an einem neuen Ort irgendwie zu überleben. Und das versteht man überall.

NACH DEN ROMANEN „DIE TEILACHER“ & „MACHLOIKES“ VON MICHEL BERGMANN

Darsteller: Moritz Bleibtreu, Antje Traue, Tim Seyfi, Mark Ivanir, Anatole Taubman, HansLöw, Pál Macsai, Vaclav Jakoubek, u.v.a.

Regie: Sam Gabarski

Drehbuch: Michael Bergmann in Zusammenarbeit mit Sam Gabarski

Produzenten: Jani Thiltges, Roshanak Behesht Nedjad, Sébastien Delloye

KINOSTART: 6. APRIL 2017 IM VERLEIH VON X VERLEIH