Leonie Swann im Interview über geniale Graupapageien und verbotene Kletteraktionen

Sie wählen für Ihre Romane gern Tiere als Hauptfiguren. Ihr Krimibestseller „Glennkill“ dreht sich um eine Schafherde mit detektivischem Spürsinn, im Thriller „Garou“ treten neben den Schafen auch Ziegen in Erscheinung. In „Gray“, ihrem jüngsten Krimi, fällt einem Graupapagei die Schlüsselrolle zu. Was fasziniert Sie an diesen Vögeln und wie intensiv haben Sie sich mit deren Verhalten beschäftigt?

Ich habe schon lange eine Schwäche für Graupapageien. Angefangen hat das noch während meines Studiums, als ich zum ersten Mal von den Alex-Studien an der Universität von Harvard gehört habe. Alex ist der Vogel, der der Welt gezeigt hat, was so ein kleines Papageienhirn alles leisten kann. Genau wie Gray konnte Alex sprechen, zählen und Worte verstehen, abstrakt denken und Kategorien unterscheiden.

Diese ungewöhnlichen Fähigkeiten, gepaart mit Verspieltheit und einer gewissen Liebe zum Chaos, machen Graupapageien meiner Meinung nach zu idealen Romanhelden. Wenn zwei oder drei von ihnen zusammenhocken, bekommt man schnell den Eindruck, dass sie die Weltherrschaft planen – oder wenigstens einen Einbruch in die örtliche Keksfabrik!

Ich selbst habe keinen Papagei, bin aber mit Papageienkennern und Wissenschaftlern in Kontakt getreten und habe einige Papageien persönlich kennengelernt. Ein besonderer Dank geht hier an Iro, den gesprächigen und aufmerksamen Graupapagei im Scottsdales Garden Center!

„Gray“ spielt in Cambridge, wo Elliot Fairbanks, ein begabter Student aus bestem Haus, tot am Fuß der King´s Chapel aufgefunden wird. Wie vertraut ist Ihnen die altehrwürdige Universitätsstadt?

Ich habe das Glück, nun schon seit einigen Jahren einen wesentlichen Teil meines Lebens in Cambridge zu verbringen, und habe dort viele Freunde, die an der Uni beschäftigt sind. Dadurch erhasche ich dann und wann einen Blick hinter die (spektakulär schönen) Kulissen. Das akademische Leben in Cambridge ist zwar geprägt von Zeremonie und Tradition, hat bei aller Würde auch eine ausgeprägt skurrile Seite: Da gibt es Studenten, die Schnecken als Haustiere halten, Hunde, die per Dekret zur Katze erklärt werden, Versammlungen, die darüber abstimmen, ob es am College einen Geist gibt oder nicht. Die Universität bildet den idealen Lebensraum für allerlei exzentrische und originelle Persönlichkeiten, die sich anderswo kaum entfalten könnten. Deswegen ist diese Stadt nicht nur ein zauberhafter und sympathischer Schauplatz, sondern auch Inspiration und genau der richtige Ort für einen schrägen Papageienkrimi!

Elliot Fairbanks kommt durch einen Sturz vom Dach der King´s Chapel ums Leben. Offenbar praktizierte er mit Leidenschaft eine besondere Variante des Klettersports, die auch als „Buildering“ oder „Night Climbing“  bekannt ist. Können Sie uns etwas mehr darüber erzählen?

Zum ersten Mal bin ich auf dieses Phänomen durch das Buch „The Night Climbers of Cambridge“ aufmerksam geworden. Ursprünglich in den 1930er Jahren unter Pseudonym veröffentlicht, beschreibt es die klammheimlichen Kletteraktivitäten von Studenten, die im Schutz der Dunkelheit die historischen Gebäude von Cambridge besteigen. Diese Tradition ist bis heute ungebrochen.

Beim „Night Climbing“ geht es zum einen darum, in tollkühnen Nacht-und-Nebel-Aktionen die Türme und Zinnen von Cambridge zu bezwingen, zum anderen ist es aber auch wichtig, sich dabei nicht von der Polizei oder den College-Autoritäten erwischen zu lassen. Oft endeten Klettertouren in wilden Verfolgungsjagden mit den Ordnungshütern. Die Verwegenheit und Heimlichkeit dieses Studentensports haben mich sofort verzaubert. Es ist eine charmante Mischung aus Humor, jugendlichem Leichtsinn und Todesverachtung, die sehr gut zu meiner Figur, dem jungen Aristokraten Elliot, passt.

Dr. Augustus Huff, der Vertrauenslehrer von Elliot Fairbanks, wird bei seinen Nachforschungen auf Schritt und Tritt von Elliots Graupapagei flankiert, der auf dessen Schulter ein neues Zuhause gefunden hat. Augustus und Gray geben damit eines der originellsten Ermittlerduos der Kriminalliteratur ab. Wie sind Sie auf diesen Einfall gekommen?

Am Anfang war die Idee, einer Detektivfigur – sozusagen als Handikap – einen Papagei auf die Schulter zu setzen. Bei kriminalistischen Ermittlungen geht es ja meistens um Unauffälligkeit und Diskretion, und ein lautstarker und auffälliger Vogel, der alle Augen auf sich zieht, ist da natürlich unerwünscht. Ich konnte mir sofort eine Menge komischer Situationen vorstellen, in die so ein „Detektiv mit Vogel“ hineinstolpern würde, und machte mich gleich an die Arbeit.

Als nächstes kam die Frage, wie sich der Papagei bei den Ermittlungen trotzdem nützlich machen und die Handlung vorantreiben kann. Und so entstand Gray, ein sprachbegabter Vogel mit besonderem Training, der kein Blatt vor den Mund nimmt, Stimmen imitiert, bei den Verdächtigen mit seinen respektlosen Kommentaren Reaktionen hervorruft und meinen Detektiv Augustus Huff auf Umwegen dann doch auf die Spur des Mörders führt.

Es gibt etliche Verdächtige, und um der Wahrheit auf die Spur zu kommen, muss Augustus mutig seine ausgetretenen „Gedankenpfade“ verlassen. Welche Rolle spielt dabei der Papagei Gray?

Augustus Huff adoptiert Gray nur widerwillig und zähneknirschend – trotzdem hätte es gar niemand Besseres treffen können.

Auf den ersten Blick ist der pedantische Augustus als Papageienhalter denkbar ungeeignet, denn der Papagei bringt Chaos in sein Leben und treibt den scheuen, ordnungsliebenden Akademiker mit seinen vorlauten Sprüchen und Kekskrümeleien zur Verzweiflung. Wenn man aber tiefer blickt, hält Gray Augustus einen Spiegel vor: Der Anthropologe kann sich mit dem klugen, gleichzeitig aber seltsam unbeholfenen und hilflosen Vogel identifizieren und eine emotionale Beziehung aufbauen, die er sich bei den meisten seiner Mitmenschen nicht erlaubt.

Augustus lernt von Gray, dass das Leben auch ohne aufgeräumten Schreibtisch lebenswert ist, und findet die Kraft, sich über manche seiner Zwänge hinwegzusetzen, um die Ecke zu denken und seiner Intuition zu vertrauen. Gray ist für Augustus Huff so etwas wie der Watson für Sherlock Holmes: Er stößt Denkprozesse an, stellt die richtigen Fragen und tut auch so einiges für Augustus´ Selbstbewusstsein. Und natürlich stellt sich bald heraus, dass das unverblümte Federvieh selbst ein wesentliches Puzzleteil im Fall Elliot ist.

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Interview: Elke Kreil

Foto Copyright: © Mark Bassett