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Billie Eilish in Frankfurt: Eine Kriegerin fordert zum Duell

Der Titel dieser Tour ist ein Versprechen. Denn auch, wenn die Amerikanerin Billie Eilish erst 17 Jahre zählt, hat es der junge Stern am Pop-Firmament mit dem Regeln ihrer Zunft längst aufgenommen und jeder routinierte Konvention den Kampf angesagt: „1 by 1“ – Eins gegen Eins. Und das ohne Gnade oder Form politischer Korrektheit. Diese Furchtlosigkeit imponiert und verführt die Massen. Auch vor dem Gibson Club bilden sich ab den Mittagsstunden epische Schlangen, die sich in der Frankfurter Zeil die Beine in den Bauch stehen, um ihr junges Idol zu betrachten – und das hat Gründe.

Denn die junge Frau, die sich mit vollem Namen Billie Eilish Pirate Baird O’Connell nennt, prangert eine Szene zwischen sexueller Verfügbarkeit und austauschbarem Gleichklang nicht nur an: Diese junge Kriegerin fordert mit eigenen Waffen zum Duell und setzt mutig eigenes Material dagegen. Schon die üppigen Silberketten, die dornenartig über die weiten Pullover und lässigen Baggypants baumeln, sind ein Emblem visueller Rebellion eigenen Ausmaßes. Doch auch die Songs dieses Teenagers sprechen für sich, macht Eilish doch gerade dort ihren Mund auf, wo viele andere Künstler oft verstummen. Versagen, Depression und Selbstmordgedanken mischen sich in den Zeilen der jungen Frau aus Los Angeles zu einem ätzenden Extrakt, der in seiner schonungslosen Offenheit gut tut. Weil er die heillose Überforderung der heutigen Jugend nicht überschminkt, sondern im grellen Licht wummernder Bässe in die Welt hinausschreit („You Should See Me In A Crown“) – und doch auch Heil verspricht. Heil durch Leid und Tränen („When The Party’s Over“), mühsam erkämpft und doch auch hoch verdient. Denn gewiss kann man argumentieren, dass die existenziellen Lebenskrisen dieses junge Leben vermutlich noch gar nicht ereilt haben; doch die Reife, die bei Eilish aus jeder Silbe sprüht, besticht bis ins feinste ausgesungene Detail.  In den finsteren Freak Rap-Passagen, in denen sie wie ein wilder Derwisch über die Bühne springt – aber auch und besonders in Augenblicken intimer Fragilität, die ein junger Stern mit melodiöser Verve in ein klangvolles Universum verwandelt.

In der brüllenden Hitze des Frankfurter Untergrunds bleibt vieles von dem, was Eilish leisten kann, zwar noch ein Kondensat zwischen jugendlichem Hype und musikalischer Substanz – doch es spricht vieles dafür, dass die erste EP dieser außergewöhnlichen Persönlichkeit erst der Anfang einer Karriere sein wird, die sich mit dem ersten Langspieler „When We All Fall Asleep. Where Do We Go?“ in weitere Höhen fortzusetzen verspricht. Ein Anfang jedenfalls ist gemacht, das Visier heruntergeklappt und die Lanze gezogen. Das Ross kommender Erfolge wartet schon zum Aufgalopp.

Text & Fotos © by Markus Mertens für Cityguide Rhein Neckar

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