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Die Nibelungenfestspiele: Ein berauschtes Blutbad epischer Brutalität

Die Rache ist ein kaltes Geschäft, heißblütiger Beliebtheit – und so gilt in Worms bei den Nibelungenfestspielen mal wieder ein altes Gesetz: Am Ende regiert der Tod. Und das Blut. Und das Elend. König Siegmund (Bruno Cathomas) und seine Sieglinde (Karin Pfammatter) meucheln Brunhild und Ute dahin, die holde Swanhild (Linn Reusse) lässt die Genicke ihrer Großeltern knacken und zum guten Schluss schneidet Hunnenkönig Etzel (Jürgen Prochnow) seiner Fast-Gattin noch die Kehle durch. Dann endlich werden sich all jene Affekte, mit denen sich „Siegfrieds Erben“ um das Rheingold stritten, zu einem berauschten Blutbad epischer Brutalität entladen – und uns alle verstört zurückgelassen haben.

Dabei könnte die Fortschreibung des Nibelungenmythos, wie sie Feridun Zaimoglu und Günter Senkel erdacht haben, doch ganz anders laufen. Zwar ist der Abgesang des Burgunderhauses nach Brunhilds Entkräftigung fast schon zu Ende geschrieben („Die Burgunder – sie kamen als Helden, jetzt zerfallen sie zu Asche“), den auch Ute (brillant als lädiertes Weib, Wolfgang Pregler) und der alte Pfaffe (Miguel Abrantes Ostrowski) nicht mehr schönzureden vermögen – doch längst sind die Niederländer mit dem Zwiegespann aus Swanhild und Gunther (ein respektloser Raufbold, Jimi Blue Ochsenknecht) auf dem Weg, um ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Sie beide sind als frisches Blut aus Siegfrieds Ader ein Hoffnungsschimmer des Königsgeschlechts – denn auch, wenn sich Siegmund und Sieglinde für ihr Alter noch rüstig präsentieren, liegt Etzel kaum falsch, vor diesem „alten Mann im Königsrock“ nicht in Ehrfurcht zu zergehen. Das eheliche Bündnis mit Burgund scheint da die einzige Rettung – wenn nicht schon vergiftete Herzen darauf warteten, Zeter und Mordio zu schreien.

Brunhild setzt ihrer zeitlosen Abscheu gegen „Siegfried, den Unschuldstöter“ keine Grenzen und auch Etzel ist – den toten Ortlieb auf den Armen – mit Dietrich von Bern (ein treuer Vasall, Felix Rech) längst einer Meinung, dass Kriemhild, diese „Burgundermetze“, mit ihrer Seelengalle alles verätzte, was eben noch intakte Liebe war. Das einzig Problem an diesem Hass: Die Blindheit als Konsequenz. Wo es für Etzel nicht mehr als den Ruf der finsteren Schamanin (Pheline Roggan) braucht, um sein finsteres Leid in eitle Mordslust zu verwandeln, ist es Burkhardt, der als lebender Beweis von Brunhilds Schändung seinen Beitrag zu Brunhilgs Marter leistet. Mit anderen Worten: Was zusammen nicht gehört, kann mit Gewalt auch nicht verschweißt werden.

Schon die Optik dieses Abgrunds will einen das drohende Unheil lehren. Bühnenbildner Palle Steen Christenden zeigt uns den Wormser Hof als zerfallene Resterampe, über deren Treppen sich das schwärzliche Pech nur so in Strömen ergießt. Da mag Etzel mit seiner ganzen Gefolgschaft über die Tore schreiten: Auch der hohe Hunne bringt hier keinen Glanz mehr hinein. Die zurechtkonstruierte Ehe mit Siegfrieds Tochter Swanhild scheint nichts als die Ultima Ratio der Verzweiflung – und selbst die rotgelockte Protagonistin teilt das jungfräuliche Bett lieber mit ihrem Halbbruder, als auf das große Heil zu hoffen. Wenn wir so wollen, ist dieser Abend vor dem Nordportal des Kaiserdoms eine pompös ausstaffierte Show, in der ins Regisseur Roger Vontobel stets nur Unrein an die Erlösung glauben lässt, um jederzeit zu beweisen, dass mit Gunther in der Hölle brennen muss, wer das Maul zu weit aufreißt.

Zu einer Farce der Macht kommt es trotz allem nicht – jedenfalls nicht, wie sie zu erwarten wäre. Denn für kurze Zeit scheint Etzel tatsächlich bereit, das Kriegsbeil bei aller historischer Wut gegen Siegfried zu begraben: Wenn Swanhild ihm nur den nötigen Königssohn zur Welt brächte. Dass diese Fügung als vibrierendes Momentum nicht nur in den bisweilen schmerzhaft virtuosen Suiten des Pferdekopfgeigers Enkjhargal Dandarvaanchig möglich ist, sondern auch szenisch in den Worten eines bärenstarken Ensembles möglich scheint, markiert den Wert einer Inszenierung, die es nicht auf Teufel komm raus auf Gewalt ankommen lässt – und am Ende doch darin versinkt. Ein Komplott. Die Vergiftung des Festmahls. Die barbarische Rache eines strengen Richters. Fast könnte man Jürgen Prochnow als fulminanten Etzel im letzten Wimpernschlag ein wenig bemitleiden. Denn in einem Berg voller Leichen bleibt ihm außer Burkhardt nur die verzehrende Melancholie eines gebrochenen Mannes. Ob er sich wieder aufrichten wird? Ein Herscherherz auf Bewährungsprobe.

Info: „Siegfrieds Erben“ ist bis einschließlich 5. August täglich um 20.30 Uhr vor dem Nordportal des Wormser Doms zu sehen. Spielfrei ist am 30. Juli. Karten gibt es telefonisch unter 01805/337171 sowie online auf www.nibelungenfestspiele.de

Fotos © by Boris Korpak / Text © Markus Mertens

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