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Die Jazz Open in Stuttgart: Ein Triumph der Furchtlosen

Wer verstehen will, was die Jazz Open 2019 an zehn Tagen auf sechs Bühnen zu einer Parade musikalischer Attraktionen machte, muss die Vision vom Ende her denken. Denn als das diesjährige Festival auf dem Stuttgarter Schlossplatz zum letzten großen Marsch bläst, gibt sich kein Geringerer als Electroswing-Pionier Parov Stelar die Ehre – und steht damit präzise für den Mut eines Formats, das sich und seine Freiheit offen zelebriert. In Beats und Tanzschritten. In fulminanten DJ-Sets und melodischen Distanzklippen, die zwischen Live-Mix und agilen Bläser-Kicks dennoch nie zum Sturz führen.

Es ist diese bemerkenswerte Linie, die sich bei allen rhythmischen Brüchen präzise durch diese knappen zwei Wochen in der baden-württembergischen Landeshauptstadt führen lässt. Denn schon am ersten Abend, am dem Soul-Ikone Dee Dee Bridgewater mit der German Jazz Trophy für ein bewegtes Leben geadelt wird, beweisen vokale Meisterleistungen, dass Vielfalt Trumpf ist – wenn sie gut gemacht daherkommt.

Eine Qualität, um die man sich in Stuttgart nie ernstlich sorgen musste. Eine Gewissheit, die sich auch in diesem Jahr zuverlässig fortsetzte. Denn ob nun Geheimtipps wie die Irin Camille O’Sullivan in der intimen Hitze des BIX-Jazzclub mit mysteriösen Klängen von sich hören machen, oder Szene-Routiniers wie Chick Corea in der Zauberkulisse des Alten Schlosses Tastenmagie für Genießer liefert: Ein jeder dieser Auftritte besticht durch ein Niveau von kompromissloser Intensität.

Was sich nun wahrlich auch über die Zuhörer sagen lässt, die in Stuttgart wonnevoll die Grenzenlosigkeit der Kunst feiern, als gäbe es kein Morgen mehr. Es entsteht ein subversives Spiel zwischen der Kunst und all jenen, die sie genießen – die Konturen zerfließen. Und erzeugen Reibungsflächen, die nicht selten frenetisch gefeiert werden. Als Gesangs-Ikone Bobby McFerrin plötzlich von der warmen Chorstimme der Stuttgarter Kantorei überrascht wird, fasziniert das nicht weniger als die epischen Rap-Passagen, mit denen Klavier-Star Chilly Gonzales selbst Eminem Konkurrenz machen würde.

Es sind erhabene Momente wie diese, die eine Folge aus Konzerten zu Erlebnissen mit Einzigartigkeitscharakter formen – und damit dafür sorgen, dass thematische Vibrationen jederzeit mit spielerischer Souveränität abgefedert werden können. Dazu gehört einerseits der fulminante Auftritt eines Bob Dylan, der auf dem Schlossplatz trotz – oder wegen? – konsequent eingehaltenen Fotoverbots so oft lächelt wie in den letzten Jahren zusammengenommen nicht. Aber andererseits auch eine grandios aufgelegte Emeli Sandé, die auf dem großen Parkett mit emotionaler Stimmkraft unter Beweis stellt, dass sie weit mehr als ein bloßer Ersatz für Soul-Sänger Sting ist, der sein Gastspiel in der Metropole krankheitsbedingt absagen musste.

Am Ende tanzen Tradition und Innovation bei den Jazz Open Hand in Hand miteinander. Denn dass ein Künstler wie Jamie Cullum nunmehr zum sechsten Mal in Folge die Massen euphorisiert, während Christina Aguilera bei einem von nur zwei Deutschland-Konzerten auf ihrer „X“-Tour auch die letzten Zweifler von ihren zeitlosen Qualitäten überzeugt, weist auf ein Festival-Format, das keineswegs von ungefähr reüssiert – sondern sich allein deswegen als Triumph erweist, weil furchtlose Organisatoren Mal um Mal ein Programm kuratieren, das Extreme verschmilzt und so Funken überspringen lässt, wo eben noch nicht einmal die Lunte lag. Ein Überzeugungsakt, den man schwerlich hoch genug würdigen kann.

Fotos & Text © by Markus Mertens

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