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Ludovico Einaudi – Ein König des klassischen Minimalismus

Ludovico Einaudi mit Ensemble in der Alten Oper Frankfurt. Bild: Markus Mertens

Er kommt wortlos, er geht wortlos – doch aus Ludovico Einaudis Musik sprechen Welten. Die zu erkunden, pilgern unlängst Massen zu dem Mann aus Turin, der das Mikroskopische in den Jahrzehnten seines Wirkens zu einer eigenen Klangphilosophie ausgestaltet hat. Bereits im letzten Jahr beehrte der 63-jährige Italiener vor mehreren tausend Zuhörern die Mannheimer SAP Arena und auch die Alte Oper in Frankfurt verkaufte der Klangpurist aus Italien im Rekordtempo aus.

Die Magie hinter dem Kult ist dabei so konsequent wie klar komponiert und hört auf den Namen: Authentizität. Von vielen Künstlern beschworen, erreicht Einaudi die Massen echt, aufrichtig und ergreifend durch eine Furchtlosigkeit, die Eindruck und Ehrfurcht gleichermaßen hinterlässt. Denn rein formal-melodisch sind Einaudis Notationen nicht komplex, streng genommen noch nicht einmal ästhetisch. Doch sie sind rein. Erhaben. Und daher von unbeirrbarer, schwebenden Leidenschaft getragen.

Wenn sich der Tonsetzer an seinen pechschwarzen Steinway setzt, drehen seine Finger Kreise, tanzen seine Hände Pirouetten und finden in der Wiederholung Heil, Halt und, ja, auch Herz. Denn Einaudis Musik ist auf ihre unverwechselbar naturalistische Art und Weise so schön und schrecklich wie das Leben selbst. Bisweilen repetitiv bis an die Grenze des Erträglichen und darüber hinaus. Bisweilen aufbrausend und ungestüm wie ein wilder Wind, der einem die Haare ausreißen will. Doch bisweilen auch romantisch, frohlockend und tiefgründig melancholisch.

Was über die knapp zwei Stunden dieses Konzertabends dabei immer wieder verzückt, ist das schwebend Hingehauchte. Denn Einaudi ist in der Geschichte der klassischen Musik zwischen Schuberts „Winterreise“ und der hybriden Archaik einer Alice Sara Ott nun wahrlich nicht der Einzige, der die Welt des Flügels auf ihren basalen Kern reduziert. Doch was Einaudi einzigartig macht, ist, wie er genau diese Philosophie in solch simple Strukturen bannt, dass jeder Zuhörer anschlussfähig bleibt. Was zum einen das Identifikationspotential für all jene erhöht, die der gewöhnliche Klassik-Betrieb entweder längst verloren, oder nie begeistert hat. Zum anderen wird hier aber auch der Charme eines bewussten Minimalismus in Zeiten allgegenwärtiger Opulenz verhandelt, der in seiner offen zur Schau getragenen Art konsequent bejubelt wird.
Man will das (noch) keine Revolution nennen, weil Einaudi nie mit Pfeil und Bogen dahergeritten kommt, sondern seinen Beitrag in der komponierten Aussage versteht, auf die ein jeder Hörer seine ganz eigene Antwort finden muss. Doch wenn es nicht mehr braucht, als ein paar Leuchtstrahler und die Klänge von Violine und Cello, um eine Klangreise zwischen Einaudis alten Inspirationen und dem neuen Silberling „Seven Days“ zu einem reinigenden Erlebnis zu machen, hat ein König der klassischen Minimalismus längst zu seiner Regentschaft der Reduktion ausgeholt. Welch wunderbare Wendung!

Text & Fotos © by Markus Mertens für Cityguide Rhein Neckar

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