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Eine Pop-Demonstration in sechs Akten

Am Ende dieser zwei Stunden herrscht auf dem Stuttgarter Schlossplatz die ungezügelte Euphorie. Wo sonst pünktlich zum letzten Akkord längst die Massenflucht in Richtung Parkhaus einsetzt, harren beseelte Gesichter noch Minuten nach der Zugabe aus und sinnieren über das, was ihnen in diesen zwei Stunden zuteil wurde.
Grund dafür gibt es zweifellos reichlich. Denn wenngleich die letzten Christina Aguilera-Konzerte in der Bundesrepublik bereits mehr als ein Jahrzehnt zurückweisen: Am Kult von „X-Tina“ ändert das in der Landeshauptstadt keinen Deut. Und so avanciert das Gastspiel der 38-Jährigen zum Finalwochenende der Jazz Open in Stuttgart zu einer Pop-Demonstration in sechs Akten, die mehr als 5000 Fans mit purer Hingabe begleiten.

Akt 1: Auftritt Aguilera. Da mag der Superstar Fans und Band quälend lange 22 Minuten nach der Anmoderation warten lassen – als sie im kreisrunden Thron endlich nach oben gefahren wird, diktiert die schiere Ausgelassenheit die Szenerie. Während schimmernde LED-Leuchtkerzen das silberne Etuikleid in festliche Stimmung tauchen, erinnert „Genie In A Bottle“ an die Keimzellen der Popularität, während „The Voice Within“ eine erste gesangliche Messlatte legt. So lässt es sich starten.

Akt 2: Auch Aguilera und ihr Ensemble kommen langsam auf Temperatur, um ihrem spektakulären Musiktheater den Boden zu ebnen. Da ist die Pop-Ikone noch in bestem Las Vegas-Modus. Denn wenngleich Klassiker wie „Dirrty“ aber auch „Lady Marmalade“ für sich sprechen könnten: Wo sich laszive Weiblichkeit mit getanzten Pirouetten und gekonnten Hüftrotationen verschmelzen lässt, imponiert die Überwältigung.

Akt 3: Was mustergültig zu der Rolle passt, die sich Aguilera bereits vor 20 Jahren selbst zueigen machte. Da passen die Einspielungen zu „Fall In Line“ aus der „Liberation“-Platte bestens ins Bild: Wo plötzlich aus einem Cher-Interview von 1996 zitiert wird, in dem die junge Künstlerin den Rat, einen reichen Mann zu heiraten, mit der Finte „Mama, ich bin ein reicher Mann“ kontert, kann die Emanzipations-Nummer „Can’t Hold Us Down“ nur Glanz entfalten. Das ist konsequent gelebter Feminismus!

Akt 4: Und diese klug gedachte Dramaturgie hat Bestand. Denn Aguilera versteht sich zwischen Latex und Leichtigkeit grandios darauf, die Schauwerte genau so auszubalancieren, dass der Abend zu keinem Zeitpunkt überhitzt. Mysteriös in Mönchskutte gekleidet, übernehmen die fragilen Momente intimer Klangschönheit die Kontrolle. Das druckvolle A Great Big World-Cover „Say Something“ liefert ein Beispiel reduzierter Ästhetik – die Disney-Nummer „Reflection“ ein weiteres Zeugnis dafür, dass eine Aguilera auch mit der eigenen Vergangenheit kokettieren kann, ohne deshalb an Seriosität einzubüßen.

Akt 5: Das Stichwort heißt: Ermächtigung. In schwarz-rotes Leder gewandet, zeigt sich der Star als erhabene Herrscherin, die ihre Untergebenen nicht nur um sich schart, sondern ihren Status als Klang-Pharaonin auch manifestiert. Da mögen riesige Choreographien noch so sehr für visuelle Opulenz sorgen: Die klangliche Genialität strömt hier allein aus ihr. Und das muss man Aguilera nach all den Jahren im Geschäft lassen: Was die Frau aus New York an Tiefe, Weite und Höhe in ihrem Wahnsinnsorgan vereint, ist bis heute – zwischen Beschleunigung („Accelerate“) und Enthusiasmus („Feel This Moment“) – von nahezu konkurrenzloser Güte. Die Lebensfreude in „Feel This Moment“ ist eine Macht, die Rührung in „Beautiful“ auch nach den Jahren tief ergreifend.

Akt 6: Und so muss die Heldin die Früchte ihrer Saat am Ende nur noch ernten. Gewiss kann man darüber diskutieren, ob sich als Domina gerieren muss, wer sich als „Fighter“ über die Hemmnisse einer konkurrenzgeprägten Welt erheben will. Doch auch das ist ein Zeichen konsequenter Unerbittlichkeit, für das die Persönlichkeit Christina Aguilera nicht nur steht, sondern ikonisch gefeiert wird. Ein verdienter Triumph.

Text & Fotos © by Markus Mertens

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