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ALLI NEUMANN Videopremiere „Monster“

Mit Monstern, Biestern und Dämonen spielen, statt gegen sie anzukämpfen: Nach der EP „Hohes Fieber“ und ihrem Schauspieldebüt in Kim Franks SpielfilmWach“ überrascht Pop-Hoffnung Alli Neumann auf ihrer zweiten EP mit einem Sprungspagat zwischen Schwere und Charme, Scharfsinn und Spaß. Und das Ganze auch noch auf Deutsch.
 
Im Titeltrack „Monster“ slidet Alli Neumann nach einem epischen Old-Hollywood-Intro erstmal auffallend “exaltiert und populär” in die Tonspur – und das ist kein Zufall. Produzent Franz Plasa stand schon für Falcos “Mutter, der Mann mit dem Koks ist da” im Studio. Die Achtziger spürt man im Vibe, aber thematisch erzählt Monster von einem modernen Dilemma: Dass in einer neoliberalen Ellenbogengesellschaft meist leider der am weitesten kommt, der (oder die!) das Monster spielt, statt es zu fürchten. Das klingt allerdings niemals verkopft oder akademisch, wie deutsche Popmusik leider oft daherkommt, sondern immer charmant-süffisant und von einer Koketterie begleitet, die einfach nicht too much wird, egal wie kritisch man hinhört. Denn Monster sein macht halt manchmal auch Spaß. “Hatte ich nicht gesagt es tut mir Leid, aber das Monster ist da, a-ha-ha” und grinsende Neumann-Bonmots wie: “Könn’ wir bitte wieder spielen? Ich lass dich auch nicht verlieren” machen klar: Die Attitüde ist #sorrynotsorry. Und was willst du machen? Böse sein gilt nicht. Denn Allis Monster spielt in einem Arcade Game. Und der Controller gehört ihr.
 
Auch „Die Schöne und das Biest“ (mit Betonung auf dem und) beginnt filmisch, wie ein Themesong zur Alli-Show, bis er auf funky Basslines eiskalt mit dem ausgelutschten Madonna-Whore-Klischee bricht, das Frauen so oft als eindimensionale Figuren zeichnet. Gut so. Denn warum nicht ein bisschen Nuance? Alli ist die Schöne UND das Biest. Keine Kategorien, lieber fluide, flexibel, gerne auch flirty. Und vor allem humorvoll: Die Botschaft wirkt doppelt, weil sie statt von Kampfesstimmung von gelösten Jungle-Moods und Kolibri-Querflöten begleitet wird (Flötist übrigens ist Domingo Patricio, der mit Künstlern wie Paco de Lucia spielt). Ein Song voller Richtungswechsel (“Es geht schon wieder besser, Babe”), der trotzdem immer unbeirrt nach vorne treibt (“Nur nicht mit dir”).
 
Durch die gesamte Monster-EP knacken Klischees auf wie Coladosen, aber trotzdem wedelt niemand mit dem Zeigefinger, sondern höchstens mit den Hüften. Das macht am meisten Spaß, wenn Alli Neumanns Texte althergebrachte Perspektiven torpedieren, wie in „Maybe Baby“, in dem der Objektifizierungsspieß kurzerhand umgedreht und plötzlich der besungene Mann zum Schönling, zur Muse wird. So besingt man sonst eigentlich nur Frauen. Zeilen wie: “Mein Maybe Baby, Zeit für dich, dich wieder anzuziehen, mein Maybe Baby, du wirst mich nie verstehen” machen Schluss mit dem Male Gaze und dem Narrativ, dass Singlefrauen unglücklich sein müssten. Vielmehr setzen sie oft schlichtweg Prioritäten. Ein Antizitat auf Rio Reiser, der für Neumanns Musik vor allem in ihrer Jugend stilprägend war, bringt den Blues auf den Punkt: “Denn ich / bin für immer und mich”.
 
Klassische Perspektiven verdrehen sich auch in „Was ist denn los“, einer Untreueballade, über deren aufheulenden Nancy Sinatra-Gitarren bald klar wird: Wer hier mit dem Nachbarn fremdgeht ist sie, nicht er – und das ohne große Reue. “Mein Schatz, was soll denn jetzt der Hass?” ist vielleicht auch die einzig passende Reaktion auf die olle Kamelle, nach drei Jahren Beziehung hätte man einander eh nichts mehr zu sagen.

Aber auch die Schwere des Lebens und die Dämonen, die uns schmerzlich heimsuchen, werden auf Monster verhandelt: „Orchideen“ handelt von der Hilflosigkeit die man spürt, wenn man den Zugang zu einem geliebten Menschen, der psychisch krank ist, zu verlieren scheint. Und von der Akzeptanz, nur da sein, aber nicht helfen zu können, die Dämonen des anderen zu bekämpfen: “Orchideen sterben / doch erwachen zum Leben / du kannst nichts tun / außer zwischenzeitlich ruhen”.
 
Ob Dämonen, Biester oder Schönheiten: Alli Neumanns „Monster“ beleuchtet die Wesen, deren Existenz wir nicht immer gerne zugeben mit Humor, genreübergreifender Tanzbarkeit und, was auf Deutsch wirklich nicht einfach ist, Leichtigkeit. Endlich wieder deutsche Popmusik, die uns was zutraut und mit der man trotzdem in den Sonnenuntergang rasen will. Ready or not – Power Attack.

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