Cityguide Rhein Neckar im Peter Cetera im Interview zu Night of The Proms 2017

„Das wird ein großartiges Erlebnis“

Unter den Songschreibern gilt er als legendärer Quell der Inspiration, seine Stimme halten viele für unfehlbar. Ein Typ mit klarer Kante war das langjährige Mastermind der Bluesrock-Formation „Chicago“ schon immer, doch im Interview mit dem Cityguide offenbart Peter Cetera, dass er lieber nach vorne blickt, als alten Tagen hinterherzuweinen. Ein Gespräch über Musik, Moderne und die Vorfreude auf die „Night Of The Proms“.

Klartext, Herr Cetera: Haben Sie es jemals bereut, „Chicago“ verlassen zu haben?
Peter Cetera: Klare Antwort – nein. Ich hätte es sogar früher tun sollen. Tatsächlich habe ich die Band ja nicht wirklich verlassen, ich wurde aus ihr herausgetrieben. Ich habe mich so gefühlt, als sei ich der Einzige, der noch zum Wohle der Gruppe gearbeitet hat. Und dann gab es da natürlich auch Probleme mit Alkohol und Drogen. Als ich den Jungs dann gesagt habe, dass ich solistisch unterwegs sein will, hat ihnen das überhaupt nicht gepasst und unsere Einheit ist zerbrochen. Sie meinten dann „Wir werden schon jemand Neuen finden“ und ich entgegnete: „Dann fangt mal an zu suchen!“

Fühlte es sich für Sie nicht an, als würden Sie ihr eigenes Baby verlassen?
Cetera: Um ehrlich zu sein, war „Chicago“ weder mein Baby, noch das von irgendjemand anderem. Tatsächlich haben wir mit der Band verschiedene Phasen durchlaufen. Am Anfang haben Robert Lamm und ich eine Menge richtig gutes Zeug geschrieben, auf das man stolz sein konnte. Doch dann siehst du, wie sich die Egos entwickeln und ein Neid aufkommt, der alles zerstört. Das hältst du eine Weile lang aus, doch irgendwann hast du genug und gibst dann auch nach, weil du mit diesen Menschen nicht mehr zusammenarbeiten kannst.

Wenn man sich die Musik näher betrachtet, die im Augenblick erfolgreich ist, lassen sich zwei Seiten ausmachen: Auf der einen Seite die DJ-Hits, die stellenweise auf authentischen Gesang vollkommen verzichten, auf der anderen Pop-Melodien, die doch stark gegen den Kern dessen gehen, für was Ihre Musik immer einstand. Wie tritt man dem entgegen?
Cetera: Die Wahrheit ist, dass du dem nicht entgegentreten kannst. Wenn du ganz oben bist, wird immer wieder einer nachkommen. Das heißt, du kämpfst die ganze Zeit, um oben zu bleiben und noch mehr, wenn du nicht oben bist. Das ist natürlich Teil des Geschäfts, kann aber auch niederschmetternd sein. Nach einer gewissen Zeit, als ich mein Soloprojekt gestartet hatte, gab ich sogar auf, weil ich davon überzeugt war, dass da draußen für meine Musik einfach kein Platz ist. Doch dann kamen die Menschen zu mir, ließen mich wissen, wie viel ihnen bedeutet, was ich tue – und ich kam mit meiner Electric-Band zurück. Aber es stimmt auch, was Sie sagen: Beat-Musik ist stark geworden und ich mag es zu tanzen, aber inmitten dieses Dschungels findet man kaum noch einen Song, an den man sich erinnert. Das ist ein Zeichen der Zeit. Natürlich haben wir verschiedene Geschmäcker, aber dass es kaum noch echte Künstler, dafür aber Massen an elektronischer Musik gibt, ist schon bezeichnend.

Wo wir gerade über Musik sprechen, die bleibt: Wie gehen Sie denn da selbst heran? Wie kann man Musik machen, an die sich die Menschen erinnern werden?
Cetera: Ich habe das Material aufgenommen, das ich gemacht habe. Ob es bleibt oder nicht, liegt nicht nur an mir. Aber es gibt natürlich Trends. Als Disco-Sounds populär wurden, haben wir das mit „Chicago“ auch gespürt und mit „Street Player“ viel zu spät einen Song gemacht, der versuchte, auf diesen Trend aufzuspringen – mit langen Haaren und allem, was dazugehört. Das klappte natürlich nicht und bringt uns auch die Frage: Wie machen wir etwas Einzigartiges? Vielleicht, indem wir einfach Musik machen.

Aber es ist doch klar, dass diese Trends nur kreiert werden, um Geld zu machen…
Cetera: …und es ist ja auch nichts falsch daran, Geld zu verdienen. Für einige Künstler ist das der Hauptantrieb ihrer Karriere – für mich war er das nie. Aber wenn wir uns die junge Generation heute ansehen, scheint sie das tiefe Interesse an Inhalten ohnehin verloren zu haben. Ich bin heute umgeben von Songs, die „Fuck The Police“ schreien, aber dazu wird sich niemand das Ja-Wort geben. Mich rührt das heute noch, wenn mir Menschen erzählen, dass sie zu meinen Nummern geheiratet haben – aber zu welchem Hit aus den letzten Jahren wollen die Leute denn noch heiraten?

Und woher kommt diese Depression? Ist das der Preis der Digitalisierung, den wir bezahlen?
Cetera: Das Problem, das wir heute haben, ist, dass heute jeder glauben kann, er sei Künstler. Sie können sich gar nicht vorstellen, was ich an Songs und Texten zugeschickt bekomme, die „so perfekt“ für mich seien – ich kann mir das gar nicht mehr ansehen, aber die Illusionen bleiben und werden ja auch gefördert. Jeder kann sich heute ein kleines Home-Studio leisten, aber der Sound, der dabei herauskommt, klingt natürlich auch so. Wenn das der Sound ist, der sich millionenfach verkauft: So sei es.

Obwohl diese Technisierung gegen alles ankämpft, wofür Ihre Musik steht?
Cetera: Ich höre diese Musik nicht und ich bin froh, dass auch immer mehr Menschen auf die großen Künstler der letzten Jahrzehnte wie die „Beatles“ zurückblicken. Ich will Ihnen ein Beispiel geben: Wiz Khalifa ist einer der erfolgreichsten Rapper unserer Zeit. Er hat einen Sohn, und der singt. Vor ein paar Wochen schickte mir jemand ein Video und da bringt er seinem Sohn das Singen bei – mit einem meiner Songs. Was das bedeutet, ist klar: Irgendwo tief in der Seele des weltbekannten Rappers Wiz Khalifa muss ein bisschen Peter Cetera wohnen. Wenn du so etwas mitbekommst, spürst du, dass du so viel in deiner Karriere nicht falsch gemacht haben kannst.

Als einer der Headliner werden Sie nun auf bei der „Night Of The Proms“ Ihr Werk präsentieren und Ihre Songs mit Orchester spielen – keine ganz neue, aber doch eine besondere Erfahrung. Was bedeutet Ihnen das, Ihre Songs mit der Kraft eines ganzen Klangkörpers zu hören?
Cetera: Das ist ein Gefühl, das man sonst kaum zu spüren bekommt. Als „Chicago“ und ich uns trennten, hatte ich eine harte Zeit. Die Labels haben mir das Leben schwer gemacht, als mein Freund David Foster eine Charity-Veranstaltung organisierte und mich fragte, ob ich mir vorstellen könnte, zusammen mit einem Orchester zu spielen. Das habe ich dankend angenommen und dieses gigantische Gefühl seither immer wieder gesucht – weil du einfach beides sein musst: Ein bisschen mehr der Showman, der die offenen Räume nutzt, aber auch der Ruhepol, der auf all die Instrumente hört, die dich begleiten. Weil es da draußen nicht so viel Raum für solche sehr speziellen Shows gibt und ich 99 Prozent meiner Konzerte mit meiner Electric-Band spiele, habe ich mich umso mehr gefreut, den Dirigenten zu treffen, all meine Noten für Orchester zu arrangieren und wieder richtig in Stimmung zu kommen. Das wird ein großartiges Erlebnis.

Bei der „Night Of The Proms“ treten neben Ihnen ja auch andere Stars wie Mel C oder Rodger Hodgson auf – gibt es da Verbindungen zu Ihrer Musik?
Cetera: Ich bin natürlich ein riesiger Fan von „Supertramp“. Tatsächlich bin ich einen Sommer lang durch die Staaten gefahren und habe jeden Tag ihre Musik rauf und runter gehört. Und auch Melanie C habe ich in Asien auf einer Tour mit David Foster kennenlernen dürfen. Aber sonst sind die ganzen Kollegen und ihre Musik, auf die ich dort treffen werde, auch für mich eine Überraschung.

Herr Cetera, nach all der Zeit im Geschäft: Gibt es da noch jemanden, zu dem man aufsieht?
Cetera: Es gibt heute viele Menschen, die ich tief respektiere, aber niemand, der ich gerne wäre, statt mir selbst. Trotzdem hat man natürlich frühe Idole. Die „Beatles“ haben mein Leben verändert, noch früher waren es Bo Diddley, Ritchi Valens, aber vor allem Little Richard. Da gibt es auch eine verrückte Geschichte: Letztes Jahr spielte ich ein paar Shows mit dem Orchester aus Nashville in deren Heimatstadt und obwohl ich dort auch ein kleines Haus habe, wurde ich gebeten im Hotel zu übernachten. Und plötzlich stand da ein goldener Geländewagen direkt vor dem Eingang. Niemand konnte in der Nähe parken, aber dieses Auto stand da – jeden Morgen, jeden Abend. Und als ich meine letzte Show dort spielte und wieder an diesem Auto vorbeilief, sah ich, dass da jemand drinsaß und seinen Arm heraushängen ließ. Ich näherte mich und sah: Little Richard. Ich sprach ihn an und er sagte mir: „Ich lebe hier!“ Es war nicht das schönste Hotel aller Zeiten, aber er mochte es und ich verstand sofort, warum ich ihn so mochte. Dann fragte er mich nach meinem Namen – und erkannte mich. Ich dachte nur: Jetzt kann ich glücklich sterben. Sowas vergisst du nie wieder.

Wenn man so viele Menschen mit seiner Musik prägen konnte – wie lebt es sich damit, auch selbst ein Idol zu sein?
Cetera: Ich muss gar kein Idol sein und nehme mich so auch nicht wahr. Es muss sich großartig anfühlen, Musik zu machen – nur dann kommt sie ganz aus dir selbst. Und das tut sie im Augenblick mehr als jemals zuvor. Ich habe mit den „Bad Daddies“ eine großartige Band, mit der ich zusammenarbeiten darf und darf nun die Gelegenheit nutzen, mich dem deutschen Publikum wieder bekannt zu machen. Wenn das kein Geschenk ist, dann weiß ich es auch nicht.

Fotos © by Boris Korpak / Interview: Markus Mertens