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Interviews

IM-WALD-SEIN: Entdeckung eines Präventionskonzepts

Ein Gespräch mit Dr. Melanie H. Adamek

1. Sie sind eigentlich gelernte Juristin. Was gab Ihnen den Anstoß dazu, sich mit dem Thema Gesundheit, Stress und dessen Bewältigung zu beschäftigen?

Dr. Melanie H. Adamek: Nach meiner Tätigkeit als Justitiarin eines großen internationalen Fachinformationskonzerns wechselte ich in die Geschäftsleitung eines Verlags. Das hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich 2001 einen eigenen Verlag gründete. Unser Verlag ist auf Gesundheitskommunikation und speziell auf die Produktion von Krankenkassenmagazinen spezialisiert. Da beschäftigt man sich natürlich sehr intensiv mit Fragen der Prävention, also der Gesunderhaltung. Und Stress, vor allem chronischer Stress, ist nun mal neben den Herz-Kreislauf-Erkrankungen eine der größten Gesundheitsgefahren unserer Zeit.

2. Und wie kamen Sie auf die Idee, sich mit dem Wald als Heilmittel für Zivilisationskrankheiten zu beschäftigen? Er wird zwar gerne als Kraft- und Ruheort gesehen, aber oft wird das ja als esoterische, nicht belegte Idee abgetan. 

Dr. Melanie H. Adamek: Ja, genau. Das dachte ich zunächst auch, als ich das erste Mal vom „Waldbaden“ hörte. Als „Hundemama“ bin ich fast täglich im Wald und genieße diese kleinen Mikroabenteuer vor der Haustür sehr. Die Frage, ob diese entspannten Auszeiten im Wald handfeste gesundheitliche Vorteile bieten, stellte ich mir jedoch nie. Darauf brachte mich erst eine Artikelrecherche zum Shinrin Yoku, wie das Waldbaden auf japanisch genannt wird. In Japan entstand schon in den 1990er Jahren eine eigene Forschungsrichtung, die Forest Medicine, die sich intensiv und interdisziplinär mit dem Wald als Gesundheitsort beschäftigt. Die immunologischen Studien sind faszinierend und zeigen deutlich, wie sehr es sich lohnt, im Wald zu sein.  

3. Ihr Experiment mit zwölf Freiwilligen in den kroatischen Wäldern war ein voller Erfolg, und unter anderem der Grundstein ihres Buchs „Im-Wald-Sein“. Wie war Ihre Rolle dabei, waren Sie selbst daran beteiligt? 

Dr. Melanie H. Adamek: Natürlich, ich habe das Experiment nicht nur mit kompetenter Unterstützung von renommierten Expert*innen konzipiert, ich habe unseren Praxistest vor Ort geleitet, begleitet und als zwölfte Teilnehmerin genossen. Wir waren eine bunt gemischte Gruppe von 12 bis 67 und es war eine Freude zu beobachten, wie wir, doch höchst unterschiedlichen Menschen unter dem Kronendach des Waldes zu einer harmonischen Gemeinschaft zusammengewachsen sind. Darüber zu schreiben, hat mir besonders Spaß gemacht.

4. Inzwischen gibt es bereits mehrere Bücher zum Thema „Waldbaden“. Sie haben ein komplettes Programm entwickelt, vom Buch, über einen Audioguide bis hin zu einem Erlebnistagebuch. Wie unterscheidet sich Ihr Buch / Ihr Konzept von den anderen Büchern?

Dr. Melanie H. Adamek: Dazu könnte ich Ihnen jetzt das Vorwort von unserem führenden Naturmediziner Prof. Dr. Andreas Michalsen von der Charité zu meinem Buch vorlesen. Nein, im Ernst: Mir ist es wichtig, die Verknüpfung von Wald und Gesundheit erlebbar zu machen, ohne erhobenen Zeigefinger oder Druck, mit Respekt für die Persönlichkeit. Manche Menschen brauchen fundierte Hintergründe, um sich für Veränderungen im Leben zu öffnen (Buch), andere eine unkomplizierte Anleitung für unterwegs (Audioguide-Programm) und wieder andere haben das Bedürfnis, positive Veränderungen in ihrem Leben zu reflektieren und zu dokumentieren (Erlebnistagebuch). Manche, so wie ich, brauchen alle drei Komponenten und auch eine visuelle Motivation für den Alltag (Wandbilder).

5. Die Methode des Waldbadens hat in Japan schon lange Tradition. Glauben Sie, dass das Konzept in Europa ebenso erfolgreich sein kann, trotz unterschiedlicher Kultur und Landschaft?

Dr. Melanie H. Adamek: Unbedingt. Beim Waldbaden geht es ja darum, die täglichen Anforderungen, die wir uns geschaffen haben, ein stückweit loszulassen und das Gedankenkarussell zu stoppen. Und das gelingt im Wald sehr leicht. Denn der Wald ist entwicklungsgeschichtlich unsere alte Heimat und weckt etwas in uns, das in allen von uns bereits seit Beginn unserer Existenz angelegt ist und unabhängig von kultureller, religiöser, sozialer oder politischer Ausrichtung tief in uns schlummert: unsere Naturverbundenheit. Was genau unter Naturverbundenheit zu verstehen ist, ob es die allgemeine Liebe zum Lebendigen oder eine tiefere spirituelle Verbindung oder vielleicht nur der pure unbewusste Wille zu überleben ist, ist nicht leicht zu definieren. Sicher ist eins: Natur wirkt, und Wald eben ganz besonders. 

6. Es gibt immer mehr Waldwege und angelegte Waldparks. Ist das für das Konzept des Waldbadens eher hinderlich, oder finden Sie, dass menschlich beeinflusste Natur dem keinen Abstrich tut und es vielleicht sogar fördert?

Dr. Melanie H. Adamek: Beim Waldbaden soll man sich entspannen. Das kann man nur, wenn man sich in seiner Umgebung wohlfühlt und das ist sehr stark vom persönlichen Empfinden abhängig. Die einen mögen eher unberührte Landschaften, die anderen eher parkartige. Experten sprechen hier vom Kriterium der Kompatibilität. Sie liegt vor, wenn die Bedürfnisse der Person mit den Gegebenheiten, Handlungsmöglichkeiten und Anforderungen zusammenpassen. Einig ist man sich darüber, dass die Landschaft nicht zu herausfordernd sein sollte, sondern als schlicht schön empfunden werden sollte, damit sich ein Entspannungseffekt einstellen kann.

7. Wie weit kann die Heilwirkung des Waldes gehen? Niemand erwartet, dass ein Waldspaziergang Krebs heilt, aber welche Auswirkungen kann sie auf den Körper haben?

Dr. Melanie H. Adamek: Die positiven Auswirkungen des Im-Wald-Seins ergeben sich 1. durch die stresslösende Atomsphäre, die wir erleben, wenn wir mit unseren Sinnen in den Wald eintauchen und 2. durch die wie eine natürliche Aromatherapie wirkende Waldluft. In der Waldluft schwirren überall Phytonzide (Terpene) herum, die mit unserem Immunsystem kommunizieren. Vor allem lassen die Terpene unsere natürlichen Killerzellen zahlenmäßig anwachsen und aktivieren sie. Führende Wissenschaftler sagen, dass beides zusammen potenziell auch vor Krebs schützen kann, denn Hauptaufgabe der natürlichen Killerzellen ist es, entartete oder virusbefallene Zellen zu töten. Außerdem gibt es eine Reihe von messbaren positiven Auswirkungen auf andere typische Zivilisationskrankheiten wie Diabetes, Bluthochdruck oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Diese vielfältigen Wirkungen zu recherchieren, fand ich besonders faszinierend. 

8. Und wie steht es mit der Psyche? Burn-out ist ein immer häufiger auftretendes Problem in der modernen Arbeitswelt. Hilft das Waldbaden allein bei der Vorbeugung oder kann es auch als Kur bezeichnet werden?

Dr. Melanie H. Adamek: Das ist eine schwierige Frage, denn Burn-out ist ein Sammelbegriff für viele Befindlichkeitsstörungen und Erkrankungen. Soweit Stress die Ursache ist, ist Waldbaden meines Erachtens eine sehr gute Präventionsmaßnahme für Menschen, die der Idee des Im-Wald-Seins offen gegenüberstehen. Gezielte Waldbaden-Studien mit Burn-out-Patienten sind mir nicht bekannt. Ich würde aber sagen, dass hier eine Wald- oder Naturtherapie mit einem speziell geschulten Behandler sicherlich gute Erfolge erzielen kann. Mir kommt es auf den präventiven Ansatz an.

9. Auch Schüler leiden oft unter Stress und hohem Druck. Zwischen Schule, Hausaufgaben und den ständig wachsenden Anforderungen bei Leistung müssen sie oft Ähnliches aushalten wie Erwachsene im Job. Kann das Waldbaden auch Jüngeren und vielleicht sogar Kindern helfen?

Dr. Melanie H. Adamek: Ich denke schon, aber es kommt darauf sicher darauf an, wie Waldbaden mit Kindern durchgeführt wird. Bei unserem Waldbaden-Experiment waren ja auch zwei Kinder dabei. Die hatten sehr viel Spaß an dem Spaziergang mit dem Förster, weil sie dort viel über den Wald gelernt haben. Auch die Kreativ-Workshops kamen gut an. Die Gong-Meditation war eine „lustige Erfahrung“. Das spielerische Erkunden des Waldes und seiner Atmosphäre war „cool“, reine Achtsamkeitsverfahren „eher was für Erwachsene, die so etwas vielleicht brauchen“.

10. Und was ist mit denen, die einfach nur mal ausspannen wollen, oder älteren Menschen, die gerne dem Alltag entfliehen möchten? Verbessert das Waldbaden für sie die Lebenssituation oder sind die Aufgaben, die in Ihrem Buch und auf dem Audioguide zu finden sind, mehr auf stressbedingte Leiden fokussiert?

Dr. Melanie H. Adamek: Nein, gar nicht. Gerade dafür ist unser IM-WALD-SEIN-Audioguide konzipiert. Er kombiniert das entspannende Naturerleben mit dem entspannten sich selbst in der Natur erleben, leichten Bewegungsübungen, Atem- und Achtsamkeitsverfahren. Gerade bei älteren Menschen erlebe ich immer wieder, dass sie mit leuchtenden Augen von schönen Kindheits- und Jugenderlebnissen berichten, die allesamt in der Natur und im Wald stattgefunden haben und an die sie während des Programms erinnert wurden.

Dr. Melanie H. Adamek ist promovierte Juristin, Verlegerin und Autorin. Seit 2001 konzentriert sich ihre Tätigkeit auf den Bereich der öffentlichen Gesundheit, speziell auf Gesundheitsförderung und Prävention. Das Im-Wald-Sein hat sie vor einigen Jahren wiederentdeckt und erkannte das Potenzial des Im-Wald-Seins für eine gesunde Gesellschaft. Mit ihrem Buch möchte sie den Wald als wichtigen Partner für unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden in unser Bewusstsein zurückbringen. Melanie Adamek hat eine von der International Society of Nature and Forest Medicine zertifizierte Schulung in Forest Medicine in Japan absolviert. Mehr über Dr. Melanie H. Adamek und ihr Präventionskonzept: www.im-wald-sein.de Dr. Melanie H. Adamek im Gespräch erleben: https://www.im-wald-sein.de/videoausschnitt-im-wald-sein-ev-akademie-tutzing

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