Unsere heutiger Gast präsentiert gleich zwei Bands: die Post-Hardcore-Band VENUES und die Rock-Band BOUNCING BETTY.

VENUES haben am 27.06.2018 ihre Platte „Aspire” rausgebracht, ein sehr seltenes Beispiel von gutem Hardcore mit Frauenstimme. Aber kommen wir zurück zu unserem Thema: Kira ist einer der seltenen Fälle, wo ich, sobald ich die Tattoos gesehen habe, genau wusste, die brauche ich bei unserem Projekt! Dieser Kunst muss ich meine Aufmerksamkeit widmen. Ich hoffe ihr seid derselben Meinung…

Wann wurde das erste Tattoo bei Dir gestochen und für welches Motiv hast Du Dich entschieden? Wie lange musstest Du darüber nachdenken?

Tattoos waren für mich schon als Kind etwas Besonderes. In meiner Jugend wollte ich immer irgendwelche coole Totenköpfe mit Knochen auf der Haut tragen. Mit 15 Jahren ca. kam ein Freund auf mich zu und meinte, eine Tattoo-Maschine zu besitzen. Aus einem Witz, einen Smiley hinter das Ohrläppchen zu stechen wurde Realität. Kurze Zeit später saßen wir in seinem Zimmer und er tätowierte mir ein Smiley hinter mein Ohrläppchen. Mein erstes Tattoo von einem Tätowierer war dann ganz klassisch mit 18 Jahren. Ich hatte die spontane Idee, mein rechtes Bein mit Kindheitserinnerungen zu versehen. Das erste was mir eingefallen ist, war ein Toad von Super Mario in einem 8Bit Stil.

Wie viele Tattoos hast Du insgesamt? Gibt es davon welche von denen Du eine Geschichte erzählen könntest/möchtest und was sie Dir insbesondere bedeuten?

Ich besitze bisher 13 Tattoos und habe zu jedem eine Geschichte. Die Geschichten an sich sind mir dennoch relativ egal. Ein Tattoo sollte gut aussehen, auch wenn ich welche habe, die nicht so gut gestochen sind. Bei diesen geht es mir dann eher um die Geschichte. Mein rechtes Bein hat Erinnerungen an meine Kindheit. Die selbstgestochenen Tattoos erinnern mich an gewisse Momente in meinem Leben und an gewisse Prinzipien. Mein linkes Bein soll eher ein Kunstwerk werden, da ist die Bedeutung irrelevant, gibt aber eine kleinere Überleitung ebenso zu meiner Vergangenheit. Mein Oberkörper der bisher alleine von einem sehr guten Freund von mir gestochen wurde gilt meiner Familie in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Niko ist mein absoluter Lieblings Tattoo Artist. Er ist so gut und versteht mich in vieler Hinsicht, dass ich zu ihm gehe und sage: „Bro, ich brauch n‘ Tattoo für meine Mama, soll etwas beschützendes und liebevolles ausdrücken“. So entstand mein rechter Arm.

Hast du schon alle Tattoos gemacht die du wolltest oder kommt noch was dazu?

Noch lange nicht, leider. Ich habe zu viele Ideen und einen zu guten Tätowierer der alles stechen kann/darf worauf er Bock hat. Es braucht ja nicht immer eine Geschichte solange es gut aussieht. Aber aus der klassischen „Tattoo-Sucht“ wird langsam ein ‚kein Bock mehr auf Schmerz‘. Am Anfang brauchte ich die schmerzen und diese Kunst -für immer an mir was mich nie verlässt-, womit ich Dinge kompensiert habe. Nun denke ich aber, dass ich schon weitermachen sollte, gerade weil ich noch nicht alles habe. Meine Schwester fehlt noch, ich habe noch mein linkes Bein. Mein Rücken muss leider voll werden und so weiter.

Wurden alle Tattoos bei demselben Tätowierer gestochen? Wie hast Du den Tätowierer ausgewählt und wer hat die Skizze(n) für Dich gemacht?

Ich habe meine Tattoos bei verschiedenen Tätowierern gemacht. Die Tattoos die keine große Skizze brauchen, waren von Walk-In Stuben. Mein Kindheitsbein besteht aus Vorlagen vom Internet und kann eigentlich jeder Stechen. Niko hat sonst alles für mich entworfen und sehr gestochen. (Needles & Pins Facebook: https://www.facebook.com/Needles-And-Pins-Tattoo-Ludwigsburg-165025460343915/)

Tattoos stechen zu lassen ist schmerzhaft. Wie kannst Du die Schmerzen während der Sitzung aushalten, was lenkt Dich ab?

Ich denke, es kommt immer auf den Menschen und auf sein Alter darauf an. An den Beinen sowie an meinem Arm kam ich sehr gut mit dem Schmerz klar. An meiner Brust und meiner Rippen wurde es schon sehr grenzwertig. Zudem kommt noch dazu, dass ich die schmerzen nicht mehr „brauche“ also tut es sozusagen auch nochmal einen ticken mehr weh.

Hast Du jemals bereut ein Tattoo stechen zu lassen?

Nein. Ich würde niemals etwas bereuen, für das ich mich selbst entschieden habe. Ich stehe zu dem was ich tue und getan habe, denn ändern kann man es meistens eh nicht. Zudem bleibt ein Tattoo für immer. Das ist bei den seltensten Dingen im Leben so. Ein Tattoo kommt mit dir und geht auch wieder mit dir. 

Welche Arten von Tattoos sind für Dich tabu, welche würdest Du niemals stechen und Dir auch niemals stechen lassen?

Darüber mache ich mir nicht viele Gedanken. Jeder soll sich stechen lassen was er will. Ich mag nur den ‚Mainstream‘ selten. Also, alles was so für „Dreck“ auf Instagram rumfährt, für Likes und Anerkennung. Ich selbst werde mir aber keine Totenköpfe oder Blut, krasse Monster oder was Ekliges stechen lassen. Ich habe 5 Jahre im sozialen Beruf, im Kindergarten und in der Schule gearbeitet, deshalb waren das für mich persönlich Tabus.

Es heißt, es macht süchtig, sich tätowieren zu lassen – hat man einmal damit angefangen kann man nicht mehr aufhören. Wie siehst Du das?

Ja das stimmt wohl. Es kommt aber jedoch immer auf die Kriterien des einzelnen an. Ich habe diese klassische Sucht nicht mehr. Ich denke nicht daran, leer zu sein oder noch mehr zu wollen. Mein Bild ist bisher noch nicht fertig, wie viel das wird, weiß ich nicht. Nur die schmerzen sind mir langsam zu Blöd. Aber vielleicht kommt das auch wieder, dass ich die Schmerzen will.

Im Moment ist es modern sich tätowieren zu lassen, viele Leute denken gar nicht darüber nach, dass sie das Tattoo das ganze Leben tragen müssen. Sie wollen cool sein und mit dem Strom schwimmen. Oftmals kommen sie zum Tätowierer mit der Aussage „zeigen Sie mir, was Sie haben“. Wie denkst Du darüber? Der Tätowierer arbeitet dann nicht mehr als Künstler, sondern wird zum „Massenproduzenten“.

Zum Glück denke ich da gar nicht darüber nach. Es ist ja nicht mein Körper. Und dieses Thema geht weit aus dem „Tattoo-Hype“ heraus. Es hat mehr mit den Leuten zu tun die vielleicht mal mit 28 Jahren aufwachen und merken, dass sie ihr Leben in Lüge gelebt haben. Die Menschen reflektieren nicht mehr und werden es irgendwann bereuen. Da habe ich schon so viele Erfahrungen gemacht. Lass die Leute sich selbst und alle anderen anlügen. Der eine wird es bereuen und der andere hat es eh nicht im Leben geschafft und wird vielleicht nie aufwachen. Einfach nicht über solche Menschen nachdenken, wir haben andere Probleme auf dieser Welt. Mach dir ein Tattoo, weil du Bock hast und Spaß im Leben hast, es hat doch eh jeder ein Problem, dann sei lieber der, der Bock hat.

Früher herrschte die verbreitete Meinung Tattoos seinen asozial – man hatte Schwierigkeiten eine Anstellung zu finden. Hat sich diese Meinung heute geändert oder muss man noch immer mit Vorurteilen rechnen?

Wenn wir mal überlegen, dass Hercules oder Napoleon Tattoos hatten und nur die reichen es im Barock Zeitalter machten, stehen wir jetzt ziemlich blöd da. Die Leute sollen einfach mal googlen oder einen Tätowierer fragen wie die Geschichte der Tattoos aussieht. Wenn wir mal die Naturvölker betrachten die vor hunderten von Jahren sich tätowiert haben, dann sollte uns eigentlich auch reflektiert auffallen das wir wie immer sehr oberflächlich sind. Nur weil die erste elektrische Maschine erfunden wurde und im Knast krass tätowiert wurde, sind wir so drauf. Und jetzt ist es wieder nach guten Jahren wieder „Mode“. Die Vorurteile werden noch ein bisschen bleiben und mehr als die Hälfte der tätowierten werden oberflächlich bleiben. Ich hatte noch nie Probleme wegen einem Job oder sonst irgendetwas. Im Gegenteil, alle meine Chefs und Bekanntschaften sagen, dass mein Tätowierer gute Arbeit geleistet hat. Kann ja auch daran liegen, dass ich das mache, was mir gefällt und was mich ausmacht. Das nennt man Echtheit.

Zu guter Letzt… was empfiehlst Du unseren Lesern, die ihr erstes Tattoo planen? Worauf sollten sie achten bzgl. Auswahl des Studios, des Tätowierers, der Stilrichtung… Welche Ratschläge hast Du?

Nehmt etwas was euch gefällt und was euch ausmacht. Dann fangt vielleicht mit einer Stelle am Körper an, die nicht jeder sieht. Macht es für euch, dann merkt ihr, ob es euch gefällt oder nicht. Bei einem Tätowierer muss man sich sicher sein. Vertraut ihm, wenn nicht, geht. Schaut euch seine Bilder und seine Kunst an. Kommt mit ihm in einen persönlichen Austausch, und fragt ihn nach seiner Meinung. Wenn euch aber irgendetwas nicht passt, dann lasst es lieber sein, ein Rückzieher ist wirklich nicht schlimm, denn ihr werdet es auf eurer Haut tragen.

Project by Daria Tessa and Daniela Vorndran, Interview by Daria Tessa 

Title Picture by Sascha Richter, Picture 2,3 by Pia Böhl, Picture 4 by Niko (https://www.facebook.com/Needles-And-Pins-Tattoo-Ludwigsburg-165025460343915/)

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