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Interviews

Special: Artists and their Tattoos – Matthias Richter

Das letzte M’era Luna war sehr erfolgreich für uns, es gab interessante Treffen und zahlreiche Interviews. Unsere gesammelten Schätze haben wir über das Jahr verteilt und heute bekommt ihr eins davon zu Gesicht. Ich stelle euch heute ein Interview mit Matthias Richter aus Schandmaul vor.
Er ist einer der seltenen Fälle, wo sich ein Musiker das Logo seiner Band hat tätowieren lassen, so dass sie ihm immer in Erinnerung bleibt. Aber ich will euch nicht gleich alles verraten, seht es euch in Ruhe selber an.

Erste Frage- Wann wurde das erste Tattoo bei Dir gestochen und für welches Motiv hast Du Dich entschieden? Wie lange musstest Du darüber nachdenken?

Mattias: Ja das kann ich dir ganz genau sagen. Ist eine nette Geschichte eigentlich sogar. Mein erstes Tattoo war das am Ellbogen. Und das sind eben zwei Fische, die sich gegenseitig essen. Und das Ding ist, ich hatte einen Ring, den haben mir meine Eltern geschenkt da war ich zwölf oder dreizehn und das war eben auch genau das. Das waren eben zwei Fische, die am Mund zusammenlaufen und die bei den Flossen verwachsen sind, und der große isst den kleinen Fisch. Und das war so eins meiner verschiedenen Talismanen, wenn man das so sagen kann. Und ich dachte mir immer „scheiße irgendwann verliere ich den Ring oder es geht kaputt oder so“ und so war es dann auch, er ist kaputtgegangen. Und ich wollte, also ich bin Sternzeichen Fische, dieses Motiv aber unbedingt konservieren. Und dann war ich mal nach dem Abi irgendwann, ich habe mit 21 erst die Schule beendet, auf einer Party und sehe die Moni. Sie ist also eine Schulfreundin. Und seh‘ boah komplett tätowiert. Dann geh ich so zu ihr hin und sag: „He Moni, was ist denn mit dir passiert?“ Dann sagt sie ja sie ist jetzt Tätowiererin. Und dann hab‘ ich gesagt „Jo ich will eh ein Tattoo“. Und dann bin ich zu ihr gegangen. Das war glaube ich eines ihrer ersten Tattoos, die sie dann so wirklich gemacht hat. Da war Sie noch nicht so lange dabei. Und ich war damals ich muss überlegen. Ich glaube 22 oder 23. Also das am Ellbogen war das erste.

Ja, das ist schon ein sehr schmerzhafter Platz dafür würde ich sagen.

Mattias: Ja auch so groß. Ich erinnere mich noch, als ich dann heimgekommen bin, und es meiner Mama erst gezeigt habe. Sie so „Oh okay, ich dachte irgendwie so ein kleines am Oberarm oder so“. Da habe ich dann gesagt „Nee, nee Mama wenn schon denn schon“.

Wie lange hat die Tätowierung gedauert? War das eine Sitzung oder mehrere?

Mattias: Die Wahrheit ist, ich kann mich nicht mehr erinnern. Ich glaube wir haben es auf zwei Mal gemacht. Ich glaube dann so ein paar Ausfüllsachen haben wir dann… ich glaube ich war zwei Mal da.

Wie viele Tattoos hast Du insgesamt?

Mattias: Ich habe eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs Tattoos.

Gibt es davon welche von denen Du eine Geschichte erzählen könntest und was sie Dir insbesondere bedeuten?

Mattias: Ja also mein letztes das ich mir gemacht habe ist das am rechten Arm. Das habe ich leider zweimal. Also ich stehe zu jedem Tattoo, das ich habe. Und ich habe dieses Motiv mit dieser Frau die so Handschellen trägt nochmal verbunden mit einem Bass nochmal hier machen lassen in Dublin. Das war aber eher so ein Schnellschuss, da war ich mit meiner damaligen Freundin. Und bei dem Tattoo geht es für mich um was – und zwar diese Frau ist eigentlich von einem Australischen Weinetikett und das Weingut hieß Catching Thieves und die hatten immer dieses rothaarige Mädel das Handschellen hat. Mal sitzt sie auf einem Mofa, mal klettert sie wo hoch und sie verliert immer einen Schuh. Und ich war damals in Australien und ich fand das Motiv einfach stark und ich habe mir das dann mit meinem Bass, also den Bass habe ich dazu gemacht – das andere habe ich geklaut. Und das habe ich entworfen, selber, weil das in meinen letzten Bass, den ich mir habe bauen lassen von Jens Ritter (https://ritter-instruments.com), meinem Bassbauer, habe ich das eingelasert. Und dafür habe ich eigentlich dieses Tattoo entworfen und dann war es fertig und ich dachte mir „scheiße das am Fuss das war es noch nicht“. Das Motiv so ist geil und dann wollte ich es unbedingt auf dem Arm haben. Und für mich geht es darum, also 1993 habe ich angefangen mit dem Bass zu spielen und dieses Mädchen mit diesen Handschellen ist für mich so sinnbildlich für eine Muse. Weil Kunst ohne Muse nicht funktioniert aber manchmal ist man selber auch gefangen in der Kunst also so der eigene Sklave und kommt nicht raus. Und das verbinde ich eben damit, also einmal dieser Bass – 1993 habe ich angefangen und eben die Dame als Muse und ist es.

Sehr schick!

Mattias: Ja finde ich auch cool. Ich bin froh, dass es mir so gut geglückt ist.

Planst Du Dir weitere Tattoos stechen zu lassen?

Mattias: Man sagt ja immer so… wenn man anfängt, hört man nicht mehr auf. Ich glaube bei mir ist es nicht ganz so schlimm. Ich habe, glaube ich, noch ein oder zwei Sachen vor. Ich lasse mir aber generell ganz viel Zeit und ich sehe manchmal Menschen, die sind ganz jung haben schon komplette Sleeves -schöne japanische Bilder. Ich finde das ganz nett und es sind schöne Bilder, klar bei mir sind Tattoos anders, da ist es eher so…. Welches Motiv will ich? Welches Motiv habe ich? Ich gehe aber dann nicht drei Jahre auf die Suche nach dem weltbesten Tätowierer. Für mich ist es nämlich eher so wie eine Art Tagebucheintrag verbunden mit einer Zeitspanne mit der man verbunden ist, den man auf der Haut haben will, um ihn zu konservieren. Mir ist es natürlich schon wichtig, dass es gut gestochen ist. Also ich habe sicherlich schon noch ein paar Ideen, aber ich werde es natürlich nicht komplett übertreiben – momentan bin ich ja schon relativ bunt, und irgendwann reicht es natürlich auch.

Wurden alle Tattoos bei demselben Tätowierer gestochen? Wie hast Du den Tätowierer ausgewählt und wer hat die Skizze(n) für Dich gemacht?

Mattias: Also es ist so, dass die erste Skizze des Fischmotivs die Moni gemacht hat und die war damals in einem Studio in München. Es hieß „By the Art“, da war ich und Jahre später, war ich nochmal bei einem Kollegen von mir, der hat mir dann den Schandmaul-Joker an die Wade gestochen. Und die Moni hat sich mittlerweile vor ein paar Jahren selbstständig gemacht, hat einen eigenen Laden. Da war ich zuletzt, allerdings hatte sie da Baby Pause, da war dann eine Gasttätowiererin. Sie hat unter anderem dies hier gemacht. Gut und das eine war halt mit Nadja, aber ansonsten war ich eigentlich immer bei Moni. Also im Grunde, wenn ich wieder was haben will, weiß ich wo ich hingehe – ganz klar. Für mich ist es auch wichtig, dass es jemand ist, den ich kenne, der mich sticht und wenn es halt eine alte Schulfreundin ist, dann fühlt es sich für mich immer toll an. Damit verbinde ich dann auch gleich mehr. Ist dann ganz gut, brauch’ ich keinen anderen Tätowierer suchen.

Ja! Tattoos stechen zu lassen ist schmerzhaft. Wie kannst Du die Schmerzen während der Sitzung aushalten, was lenkt Dich ab?

Mattias: Also, ich erinnere mich vor allem daran bei dem Tattoo an der Wade. da fand ich’s schlimm, weil ich ja auch auf dem Bauch liegen musste, dann siehst du denn Fortschritt nicht. Ich finde es ganz gut, wenn du zuschauen kannst und siehst „oh wie viel ist schon“? Dann kann ich immer hochrechnen „ok dauert noch eine Stunde, zwei oder drei vielleicht“ oder so. Ich dachte schon vor allem an dem an der Wade damals „boah, warum machst du das eigentlich?“. Weil es schon ätzend war – auf der anderen Seite ist es eine kurze Zeit, also einige Stunden, da muss man halt durch. Dann sind es einzelne Tage wo es noch ein bisschen weh tut, dann lässt der Schmerz so langsam nach und bei dem Gedanken an das schöne Bild bekommt man Vorfreude und dann ist der Schmerz auch ganz schnell vergessen.

Hast Du jemals bereut ein Tattoo stechen zu lassen?

Mattias: Nein. Also das einzige ist eben bei diesen an meinem Arm, das ist geil, weil ich es eben selbst entworfen habe. Ich wollte es eben – verbunden mit dem Bass und dieser Frau. Ich wollt’ das haben, es wurde schon Jahre davor geplant. Aber das hätte ich mir vielleicht sparen können. Aber es ist ja bloß so klein. Ich find’ es gut, jetzt hab ich halt im Prinzip zweimal das gleiche Tattoo wenn man so will. Aber es ist okay. Ich bin eher froh, dass ich dann doch das richtige gefunden habe. So ist es jetzt. Aber ich bereue überhaupt keines. Überhaupt nicht, weil ich nicht einfach dahin gehe und sage „oh das Bild ist schön. Das will ich!“. Sondern weil ich es zum Glück sehr, sehr persönlich halte und es ist eben so eine Art, naja Tagebucheintrag stehend für eine Zeit oder mein ganzes Leben, einfach was zu mir gehört. Dann will ich das eben haben und dann ist mir der Rest einfach egal. Nee, also da bereue ich nichts!

Welche Arten von Tattoos sind für Dich tabu, welche würdest Du niemals stechen und Dir auch niemals stechen lassen?

Mattias: Also was ich jetzt persönlich nicht mag, sind solche einfachen Tribals oder sowas. Die können total schön sein und wenn jemand damit was in Verbindung bringt, ist es ja total in Ordnung, aber für mich wäre es einfach etwas, dass ich nicht will. Ich will für mich genau ein Bild, das für mich abgestimmt ist. Es muss nicht immer erklären, was es auf sich hat, aber so ein Tribal würde ich mir nicht machen lassen.

Es heißt, es macht süchtig, sich tätowieren zu lassen – hat man einmal damit angefangen kann man nicht mehr aufhören. Wie siehst Du das?

Mattias: Ja, vielleicht ist das so. Ich glaube, die Hemmschwelle für das erste Tattoo ist sehr hoch, weil man auch noch nicht weiß „oh was passiert da? Und wie weh tut das?“. Unser Schlagzeuger hat einen Schandmaul Jonny im Nacken und nur dieses. Meine Bandkollegen haben alle nur ein Tattoo. Ich bin da der einzige, der weiter gegangen ist. Von Sucht kann ich jetzt nicht sprechen. Bei mir es ist jetzt nicht so. Und wenn es bei mir mal wieder soweit ist, mal gucken was so passiert und mir einfällt oder wieder einen Lebensabschnitt hinter mir habe, dann kann es schon sein, dass ich mir das stechen lasse.

Im Moment ist es modern sich tätowieren zu lassen, viele Leute denken gar nicht darüber nach, dass sie das Tattoo das ganze Leben tragen müssen. Sie wollen cool sein und mit dem Strom schwimmen. Oftmals kommen sie zum Tätowierer mit der Aussage „zeigen Sie mir, was Sie haben“. Wie denkst Du darüber? Der Tätowierer arbeitet dann nicht mehr als Künstler sondern wird zum „Massenproduzenten“.

Mattias: Ja! Also für mich persönlich jeder so wie er möchte – bitteschön. Aber für mich ein absolutes No-Go. Ich würde niemals in ein Tattoo-Studio gehen, dann liegt da eine Mappe und bei Bild 57 sage ich „oh das ist aber schön.“ Dann krieg’ ich das gestochen, am nächsten Tag kommt der nächste und sagt „oh Bild 57 finde ich aber schön“ und lässt sich das auch stechen, dann habe ich genau dasselbe Tattoo. Also das geht für mich gar nicht. Ich meine ja gut der Schandmaul-Joker ist schon völlig was anderes – das haben ja auch mehrere Leute tätowiert, das geht für mich natürlich klar. Ansonsten, jedes Tattoo, das ich habe, gibt es auch nur einmal für mich und so muss es halt sein, finde ich. Ein Tattoo ist nämlich schon etwas persönlicheres, weil was ist persönlicher als etwas auf deiner Haut zu tragen? Und wenn das dann so ein Allerweltmotiv ist, nee, das kann ich nicht ertragen, das würde ich bereuen – definitiv. Wenn ich irgendwas aus dem Katalog oder so ein Motiv wähle, nein will ich nicht.

Früher herrschte die verbreitete Meinung Tattoos seinen asozial – man hatte Schwierigkeiten eine Anstellung zu finden. Hat sich diese Meinung heute geändert oder muss man noch immer mit Vorurteilen rechnen?

Mattias: Also ich glaube, dass das allmählich wird, da ja auch Junge Leute heutzutage schon tätowiert sind. Deswegen kommt man von dem „Ahh! Nur Seefahrer und Kriminelle sind tätowiert!“ weg. Trotzdem glaube ich, ist es je nach Beruf, den man hat, immer noch ein Problem, wenn du großflächig tätowiert bist und musst es dann auf der Arbeit verstecken. Bei meinem Beruf habe ich ja das Glück, dass ich die maximale Freiheit ausleben kann und ich finde es nicht schlimm, wenn ich jetzt in eine Bank gehe und dort ein Rock n‘ Roller steht. Da würde ich mich eher nicht damit identifizieren, aber letztendlich geht es ja darum, dass er seine Arbeit gut macht in dem Bereich den er macht. Egal was er macht. Und wenn es ein Chirurg ist, der mich grad am Herzen operiert, weil ich gerade echt ein Problem habe, wenn er das 1A macht und hat Piercings und Tattoos, ist das ja echt gut, und nur weil er „brav“ aussieht, heißt es ja nicht, dass er es besser macht. Also ich denke, dass in den Köpfen der Leute noch Potenzial nach oben ist, um da noch ein bisschen toleranter zu werden. Und auch zu akzeptieren, dass wenn jemand tätowiert ist oder sich außergewöhnlich kleidet, dass das seine persönliche Art ist, sich auszudrücken, weil er sich halt wohler fühlt. Aber davon Rückschlüsse zu ziehen auf seinen Beruf, sein Leistungsvermögen oder seine Kompetenz ist ganz falsch! Ganz falsch!

Nee. Ich bin auch der Meinung, dass war einer der Gründe, warum ich dieses Projekt angefangen hatte, um Leuten beizubringen, dass Tattoos eigentlich nichts mit dem Können von Leuten zu tun haben. Das darf man nicht verurteilen!

Mattias: Ja ganz klar!

Zu guter Letzt… was empfiehlst Du unseren Lesern, die ihr erstes Tattoo planen? Worauf sollten sie achten bzgl. Auswahl des Studios, des Tätowierers, der Stilrichtung… Welche Ratschläge hast Du?

Mattias: Also. Ratschlag Nummer eins ist: Wenn man sich noch unsicher ist. Warten! Ratschlag Nummer zwei ist, muss man jedoch selber wissen. Ich finde es persönlich geiler, wenn ein Tattoo persönlich ist, wenn sie auch etwas über sich selber oder das Leben ausdrücken. Dann finde ich es ebenfalls blöd, wenn man eben sieben Jahre braucht, um den besten Tätowierer zu finden, weil dann finde ich, dann hat man das auch nicht begriffen. Natürlich soll das Tattoo schön sein. Aber es geht darum, wenn ich etwas haben will, dann möchte ich es konserviert haben. Natürlich sollte es gut gestochen sein. Man sollte es sich nicht von irgendeinem besoffenen auf einem Festival stechen lassen oder man sollte selber, wenn man besoffen ist, aus der Laune heraus nicht nachts in den Tattoo-Laden gehen. Nee! Zeit lassen! Weil, wenn es dann drin ist, ist es drin. Wenn man es dann bereut und es weghaben will, ganz ätzend mit Laser – oder man will es überstechen, auch ganz ätzend. Man kann nicht jedes Tattoo überstechen. Also wirklich, lässt euch Zeit und dann, wenn ihr euch ganz sicher seid, dass ihr wollt, dann spricht ja nichts dagegen. Sucht euch einen Tätowierer eures Vertrauens und dann ist man bereit fürs Tattoo.

Project by Daria Tessa and Daniela Vorndran, Interview by Daria Tessa

Pictures by Daria Tessa (https://www.facebook.com/tessaswelten)

 

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