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Interviews

Special: Artists and their Tattoos – The Dark Tenor

Heute ist unser Gast der mysteriöse und fabelhafte The Dark Tenor. Ich mag seine Musik sehr gerne und als ich bei Instagram die Bilder seiner Tattoos gesehen habe, konnte ich auch nicht widerstehen, zum nächstmöglichen Termin ein Interview zu machen. Im Januar war es soweit und wir konnten uns vor der Show in der Frankfurter Batschkapp treffen. Die Ergebnisse kann ich jetzt hier mit euch teilen.

Daria: Die erste Frage zu deinem ersten Tattoo. Wann wurde das bei Dir gestochen und für welches Motiv hast Du Dich entschieden und wie lange musstest Du darüber nachdenken?

The Dark Tenor: Mein allererstes Tattoo war eine Kurzschlussreaktion. Mit 16 kamen die Ohrringe und dann ich bin 18 geworden und durfte meine eigenen Entscheidungen treffen. Ich bin dann losgegangen und habe mir das Tattoo machen lassen. Ich hatte natürlich gar keine Ahnung und hab mir einfach was aus den Vorlagen, die der Tätowierer hatte, ausgesucht und das ist nach wie vor auch noch zu sehen. Das Tattoo auf meiner Schulter, genau.

Daria: Du kannst dir nicht vorstellen wie oft ich das mit dem ersten Tattoo mit 18 gehört habe. Wie viele Tattoos hast du jetzt?

The Dark Tenor: Kurz zählen. Sechs, sieben … es sind sieben Tattoos.

Daria: Ich habe bei Instagram fleißig gesucht, aber außer deinen Armen habe ich nichts gefunden.

The Dark Tenor: Ja, ich habe noch im Nacken eins, eins am Unterarm auf der linken Seite, der rechte Arm ist ja eigentlich fast ganz voll und in der Leiste noch eins.

Daria: Könntest Du die Geschichten von deinen Tattoos erzählen?

The Dark Tenor: Ja, also habe ich eine Geschichte, die zum „No Face“. Das habe ich mir auf meinen Unterarm tätowieren lassen, als ich vor zwei Jahren in L.A. war und angefangen habe, am dritten Album zu schreiben. Damals war auf der privaten Ebene meines Lebens alles sehr, sehr durchwachsen, also nicht so richtig schön, nicht so richtig gut, halt irgendwie strange, mit meiner Freundin auch.

Dieser „No Face“ kann sich in die Charaktere hinein fühlen, die er an seiner Seite hat und erstarkt an deren Emotionen. So kann er selber dann zum Monster oder eben zum netten Begleiter, der dir hilft, werden. Das beschreibt ziemlich gut diese Zeit damals, als ich mir gesagt habe: „Okay, man wird irgendwie immer zwischen Gut und Böse hin- und hergerissen.“ Das war so im April 2017 und mein Produzent, mit dem ich da an der Musik gearbeitet habe, hat sich zum gleichen Zeitpunkt auch tätowieren lassen.

Daria: Ziemlich Frisch. Und bist Du schon mit Tätowierungen fertig?

The Dark Tenor: Nein, man ist nie wirklich fertig.

Daria: Bei welchen Tätowierern hast Du die Tattoos machen lassen, wieviele waren das und wer hat die Skizzen gemacht?

The Dark Tenor: Also, das waren eigentlich fast alles No-Name-Tätowierer. Ich habe mir aber, außer halt bei meinem ersten Tattoo, schon die Sachen vorher angesehen, die sie gemacht haben. Ich war aber z.B. auch bei „Blut und Eisen“ und bei Liz Vegas in Berlin, die schon Sachen für Leute wie David Garrett gemacht hat und … Wie heißt der noch gleich, der den Piraten gespielt hat?

Daria: Johnny Depp?

The Dark Tenor: Genau, Johnny Depp und natürlich haufenweise andere Leute. Sie hat mich tätowiert und auch Zeichnungen gemacht.

Daria: Wie lange hat die längste Sitzung gedauert?

The Dark Tenor: Oh, ich glaube die längste war tatsächlich die bei „Blut und Eisen“. Ich weiß gar nicht warum, aber die hat ewig gedauert. Mein linker Unterarm ging sehr schnell, Liz hat das in drei Stunden gemacht, obwohl es doch ganz schön viel ist.

Die schmerzhafteste Erfahrung war wirklich im Nacken. Die habe ich in Bali machen lassen. Ich war mit meiner Freundin dort und das war sehr lustig. Der Raum war, ähnlich wie dieser, in dem wir gerade sitzen, komplett gefliest und wirkte sehr klinisch. Ich habe auf den Boden gesessen und der Tätowierer hinter mir, mit einer Zigarette im Mund, die Zeichnung hat er in seiner linken Hand gehalten und mit der rechten tätowiert, ohne das Motiv vorher drauf zu packen. Das war schon ein bisschen abenteuerlich, aber es ist trotzdem gut geworden.

Daria: Das ist ja das Wichtigste. Sich tätowieren zu lassen, tut weh. Wie gehst du mit Schmerzen um?

The Dark Tenor: Das tut ja nur am Anfang weh, dieser Initialschmerz bis zu dem Punkt, an dem sich der Körper dran gewöhnt. Etwas anderes ist es, wenn es dann genau Nervenpunkte trifft, die man ja eben auch im Nacken hat oder bei der Schulter, wenn es da über den Knochen geht und alles vibriert oder dort wo die Haut so ein bisschen dünner ist. Aber ich finde, beim Tätowieren sind es andere Schmerzen, keine im eigentlichen Sinn, eher eine andere Art von Gefühl. Der eigentliche Schmerz findet für mich nur ganz am Anfang statt und dann gewöhne ich mich ultra schnell dran.

Daria: Hast Du jemals bereut ein Tattoo stechen zu lassen?

The Dark Tenor: Nein. Ich vertrete ja die Meinung, dass jedes Tattoo ein Zeugnis des jeweiligen Moments ist, genauso wie die Songs auf einem Album irgendwie ja immer Zeitzeugen sind – des Moments und der Lebenssituation, in der ich war, als ich sie geschrieben habe. Bei der Geschichte auf der Schulter bin ich tatsächlich hart am Überlegen, ob ich es überstechen lassen soll, aber bei allen anderen eigentlich nicht.

Daria: Welche Arten von Tattoos sind für Dich tabu, welche würdest Du niemals stechen und Dir auch niemals stechen lassen?

The Dark Tenor: Zum Beispiel bin ich jetzt kein großer Fan mehr vom Arschgeweih.

Daria: Nicht Mehr?

The Dark Tenor: Ja klar, früher war das Ganze irgendwie in. Die ganzen Mädels hatten welche, und man hatte als Junge, als Teenager immer was zum Gucken. Ich weiß noch ganz genau, als dann bei H&M Hosen rauskamen, die hinten höher geschnitten waren und so ein weißes Tribal drauf genäht hatten, weil die Kids sich das natürlich nicht tätowieren lassen durften, es aber trotzdem haben wollten. Das ist jetzt nicht so mein Steckenpferd, muss nicht sein.

Daria: Es heißt, es macht süchtig, sich tätowieren zu lassen. Hat man einmal damit angefangen, kann man nicht mehr aufhören. Wie siehst Du das?

The Dark Tenor: Es ist nicht so, als ob ich nicht ohne könnte.

Daria: Du willst aber nicht.

The Dark Tenor: Also, Ich will auf jeden Fall noch mehr Tattoos haben. Definitiv. Aber es ist keine Sucht.

Daria: Aber ein bisschen Mode und Trend … im Moment sind halt Tätowierungen in. Ist es so, dass viele sich tätowieren lassen, weil sie einfach cool aussehen wollen? Viele verbinden ihre Tätowierungen mit nichts und nutzen fertige Vorlagen. Mir tun da die Tätowierer leid, weil sie von Künstlern zu Massenproduzenten werden. Was denkst du darüber?

The Dark Tenor: Naja erstmal kann jeder Tätowierer „Nein“ sagen, „Das mache ich nicht.“  – wenn das Geschäft gut genug läuft. Auf der anderen Seite geht es natürlich grade ums Geschäft. Man darf ja nicht vergessen, dass auch ein Künstler auch von irgendwas leben muss. Ich finde das nicht schlimm. Und wir alle haben ja auch schon Jobs gemacht, die wir nicht wirklich mochten, oder?

Für mich aber muss ein Tattoo etwas bedeuten. Ich habe nie ein Tattoo gemacht, weil es Mode war, außer als 18-Jähriger. Das war aber eigentlich eher die Revolte gegen meine Eltern, weil ich in einem klassischem Elternhaus aufgewachsen bin. Meine Mutter Geigerin, mein Vater Dirigent. Da sind Tätowierungen natürlich nicht vorhanden. Wir sind ja aus Amerika, meine Mutter aus den Südstaaten, mein Vater aus den Nordstaaten. Vor allem für meine Mutter war das ganz furchtbar, weil sie sehr konservativ erzogen wurde. Sie hat sich allerdings schnell daran gewöhnt.

Von daher denke ich, jeder muss machen, was er will. Wenn ein Tattoo nur aus Mode gemacht wird, finde ich es halt nicht so cool. Eine Tätowierung bleibt für immer und jeder, der sie sich wieder weglasern lässt, hat halt den Sinn des Tätowierens nicht verstanden. Es sollte eine Geschichte dazu geben und dann ist es auch schön, sich diese auf der Haut zu verewigen. Das mag ich.

Daria: Aber es gibt noch einen sozialen Aspekt von Tätowierungen. Dieser Gedanke, dass die Tätowierte und Tätowierungen asozial sind. Spürst du diese Vorurteile noch in deinem Leben?

The Dark Tenor: Ich wohne in Berlin, da ist es nicht so. Da findest du auch, wenn man sich jetzt mal die Hotellerie anguckt, Tätowierte. Wahrscheinlich wird man dort  jetzt Nacken- oder Hals Tattoo seltener sehen. Aber natürlich gibt es auch da Etablissements, die hochwertig sind und auf das hippe Berlin gucken und dann entsprechend auch hippe, tätowierte Jungs und Mädels einstellen. Es ist schon wesentlich akzeptierter geworden und es ist wesentlich einfacher geworden dadurch. Aber Berlin ist eine eigene Glocke. Wie es woanders ist, das weiß ich nicht. Ich glaube auf jeden Fall, dass es besser geworden ist.

Aber genau das, was du gerade gesagt hast, ist etwas, was meine Mutter mir erzählt hat, dass nur Verbrecher und Arbeitslose und Seeleute tätowiert sind. Sie hatte früher eine ganz ähnliche Einstellung. Aber ich glaube, inzwischen ist vor allem diese Seemanns- und Verbrechernummer nicht mehr so in den Köpfen der Leute vorhanden Vielleicht mag es auf dem Land noch so sein.

Daria: Welcher Rat kannst du Leuten geben, die sich für ein erstes Tattoo entscheiden?

The Dark Tenor: Guckt euch die Arbeit der Tätowierer an, wie tätowiert er oder sie. Ich bin ein großer Fan, von Frauen tätowiert zu werden. Ich habe mehrere Tattoos, die von Frauen gemacht wurden und ich habe das Gefühl, irgendwie tat’s mir weniger weh. Ich weiß nicht warum. Sucht euch ein Motiv aus, das zu einer Geschichte passt, die zu euch gehört. Und wenn ihr keine Geschichte zum Tattoo erzählen könnt, die mit euch persönlich zu tun hat, dann lasst es erst mal.

Ich bin im Gegensatz dazu eher ein sehr impulsiver Mensch. Ich mache gerne einfach, entscheide einfach sofort und mache es dann. Versucht es nicht so zu tun, wobei auch da lustige Geschichten entstehen können.

Und ansonsten empfehle ich, einfach ganz viel zu gucken, sei es auf Instagram oder bei Pinterest. Ich bin ganz viel bei Pinterest und finde neue Tätowierer, die ich cool finde, die eigene Markenzeichen und Stile haben. Das finde ich sehr, sehr interessant.

Einfach viel umsehen und sich darüber bewusst werden, was gerade im Trend ist, z.B. dass grad alles geometrisch aussehen muss. Und dann überlegen, ok, will ich so aussehen wie alle anderen meiner Generation oder nehme ich mir irgendwas, was nicht zum Trend gehört. Ich empfehle auch Farben ins Spiel zu bringen – ja, unbedingt.

Project by Daria Tessa and Daniela Vorndran, Interview by Daria Tessa

Pictures by Daria Tessa (https://www.facebook.com/tessaswelten)

 

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