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Special: Artists and their Tattoos – Tomi Joutsen (vocals) from AMORPHIS

Heute bin ich wirklich stolz darauf, euch unser Interview mit Tomi Joutsen – der Stimme der Progressive Metal Legende AMORPHIS – präsentieren zu können. Ich war wirklich glücklich, als ich die Zustimmung des Bandmanagements für dieses Interview erhielt. Am Tag ihrer Show im Frankfurter Club Batschkapp, wo wir uns getroffen haben, war ich ziemlich nervös. Aber die ersten Minuten nach dem Treffen haben alle meine Ängste weggeblasen. Es war eine tolle und interessante halbe Stunde mit Tomi und jetzt freue ich mich, Euch die Ergebnisse unseres Meetings mitzuteilen.

r mich persönlich sind Tattoos Kunst, was sind Tattoos für dich? Sind sie Kunst oder eine andere Möglichkeit, dich an einige wichtige Dinge deines Lebens zu erinnern?

Tomi: Für mich persönlich ist es eine Subkultur und auch eine Form der Kunst, grade jetzt, wo Tattoos wirklich beliebt sind und man sie überall sehen kann. Als ich ein Kind war, sah ich Tattoos meistens auf diesen Typen aus dem Gefängnis oder auf Matrosen oder einigen Rock’n’Roll-Typen. Ich empfinde Tattoos als eine etwas rebellische Sache. Natürlich ist es eine sehr schöne Form der Kunst, die sich ständig weiter entwickelt und es gibt viele Künstler auf der ganzen Welt, großartige Künstler, so auch in Finnland, was super ist. Wenn Du wirklich schöne Tattoos haben willst, ist es möglich, sie auch in Finnland zu bekommen. Für mich persönlich ist es ein wenig wie eine Subkultur. Aber wenn sich jemand tätowieren lässt, ist das für mich kein Problem. Jeder kann mit seinem Körper machen, was er will.

Wann wurde das erste Tattoo bei Dir gestochen und für welches Motiv hast Du Dich entschieden? Wie lange musstest Du darüber nachdenken?

Tomi: Ich denke, ich war zwanzig, als ich mein erstes bekommen habe. Ich habe darüber vielleicht ein halbes Jahr nachgedacht oder so. Es gab Zeiten, in denen ich dachte, dass ich es nicht tun würde, auch wenn ich sie mag. Es sieht zwar cool aus, aber ich dachte, es wäre nichts für mich. Als ich anfing, darüber nachzudenken, wollte ich aber unbedingt eins haben. Ich glaube, nachdem ich mein erstes Tattoo hatte, hat es etwa ein halbes Jahr gedauert, bis ich das zweite hatte. So läuft das wohl typischerweise, wenn man eins hat, will man mehr.

Wie viele Tattoos hast Du insgesamt? Gibt es davon welche, von denen Du eine Geschichte erzählen könntest/möchtest und was sie Dir insbesondere bedeuten?

Tomi: Ich weiß nicht, gar so viele. Ich habe viele freie Stellen an meinen Körper. Ich bin nicht so schwer tätowiert, ich habe ca. 20 oder so. Ich habe eins am Bein. Ich mochte diese Band TURBONEGRO sehr gerne, sie haben ihre Fangemeinde „Turbojugend“, also bin ich ihr Mitglied und das ist ein Death Punk Accessoire, unser Logo. Ich denke, es gibt fast 10 unserer Turbojugend-Typen, die das gleiche Tattoo auf ihrem Körper haben. Wir waren gerade in einem Tattoo-Laden und tranken etwas Bier und machten das. Es war lustig. Das ist eine Geschichte. Aber normalerweise habe ich nur eine Idee, was ein schönes Bild wäre. Natürlich gibt es bei einigen Bedeutungen, aber meistens sind es nur schöne Bilder.

Planst Du Dir weitere Tattoos stechen zu lassen?

Tomi: Ja, es wird kommen. Ich habe einige Ideen für meinem Rücken und ich will mehr haben. Und ich werde definitiv etwas Tinte auf meine Beinen bekommen. Und, ich weiß nicht, wir werden sehen, ich möchte auch etwas Tinte auf meine Finger bekommen, seitlich habe ich ja schon was. Ich denke, ich werde noch viele Tattoos kriegen. Aber zu diesem Punkt denke ich, dass, wenn man 15 Tattoos hat, man anfängt, mit Schmerz zu bezahlen. Nach den ersten paar Tattoos glaubst du, dass du wirklich männlich und mächtig bist, weil du den Schmerz aushalten kannst, aber seit ich dieses Brust Tattoo machen ließ, hasse ich wirklich den Prozess des Tätowierens. Es ist verdammt schmerzhaft.

Das ist gerade die nächste Frage. Tattoos stechen zu lassen, ist schmerzhaft. Wie kannst Du die Schmerzen während der Sitzung aushalten, was lenkt Dich ab?

Tomi: Ich versuche nur, eins – zwei – zwei – drei – vier – fünf zu zählen, und hoffe immer, dass es aufhört, wenn ich bei fünf bin. Aber so geht das nicht. Manchmal ist es wie fünfzehn, wenn es wirklich lange Linien sind. Es ist verdammt, verdammt schrecklich. Also muss ich nur immer wieder diese fünf Sekunden bewältigen.

Und wie lange war deine längste Sitzung?

Tomi: 6 oder 7 Stunden. Als wir auf meinem Bauch ein große Tattoo gemacht haben, gab es einen Moment, als es fast fertig war, und wir nur noch etwa eine halbe Stunde oder so brauchten, als ich sagte: „Ich bin durch, ich kann nicht mehr.“ Aber der Tätowierer hat mir gesagt, dass wir es jetzt durchziehen müssen. Wenn das vorgemalte Bild weg ist, wird es unmöglich sein, es so hinzubekommen, weißt du. Also mussten wir noch eine halbe Stunde weitermachen und ich war im Arsch.

Meine längste war 3,5 Stunden.

Tomi: Ja, das reicht. Aber manchmal, wenn man mit dem Schmerz umgehen kann, dann hat man dieses großartige Gefühl, das es wirklich schön ist. Es ist wie ein Ritual – so etwas wie, ich bin verdammt cool, ich sitze hier, ich habe Schmerzen und ich kann wirklich ein Buch lesen oder so etwas. Aber nach 3 oder 4 Stunden beginnt man, hilflos wie ein Kind zu sein. Ich hasse es.

Aber es ist ein Teil davon …

Tomi: Das ist es, aber es ist ein schrecklicher Teil davon.

Wurden alle Tattoos bei demselben Tätowierer gestochen? Wie hast Du den Tätowierer ausgewählt und wer hat die Skizze(n) für Dich gemacht?

Tomi: Nun, ich kann mich nicht erinnern, mit wie vielen Tattoo-Künstlern ich gearbeitet habe. Ich denke 5 oder 6. Die ersten hab ich in einem Tattoo-Studio in meiner Heimatstadt machen lassen, in Lohja. Danach habe ich während unserer Touren einige kleine Tattoos bekommen. Aber mein Lieblings-Tätowierer oder Tattoo-Studio ist Tatuata (https://tatuata.com/) in Helsinki. Jarno Kantanen hat für mich 6 oder 7 Tattoos gemacht. Ich mag seinen Stil wirklich, er ist ein großartiger Kerl und wir sind Freunde. Es ist wirklich schön, mit ihm persönlich zusammenzuarbeiten. Er lebt ganz in meiner Nähe, er interessiert sich auch für Musik und solche Dinge. Er ist viel um die Welt gereist, um Tattoos zu machen. Er studierte, indem er einfach dorthin ging und mit den Menschen lebte. Er war viele Male in Japan und macht viel in japanischen Stil. Und Skizzen: Normalerweise habe ich eine Idee , erzähle sie einfach und wir arbeiten zusammen, überlegen, was für ein Stil es sein könnte.

Hast Du jemals bereut ein Tattoo stechen zu lassen?

Tomi: Nun, jedes Mal, wenn ich eine Tätowierung kriege, wenn wir auf Tour sind. Nachdem ich es gemacht habe, sage ich: „Fuck, ich hasse den Heilungprozess!“ Wenn du jede Nacht auf Tour bist, verschwitzt bist und die vielen Leute gehen herum. Beim Duschen siehst du die ganze Scheiße auf dem Boden und du denkst „Oh Mann, ich werde AIDS bekommen“,  oder so etwas. Also, das ist schrecklich. Aber was die Bilder betrifft, so habe ich natürlich nichts bereut … Würde ich jetzt meine ersten Tattoos machen lassen, würden sie natürlich anders aussehen, aber das ist halt ein Teil meiner Vergangenheit, weißt du.

Welche Arten von Tattoos sind für Dich tabu, welche würdest Du niemals stechen und Dir auch niemals stechen lassen?

Tomi: Natürlich so etwas wie rassistischer Scheiß und so was – normal. Nun, wie gesagt, jeder kann tun, was er will. Aber ich werde nie ein rassistisches Scheiß-Tattoo haben.

Es heißt, es macht süchtig, sich tätowieren zu lassen – hat man einmal damit angefangen kann man nicht mehr aufhören. Wie siehst Du das? Ist es wirklich unmöglich, aufzuhören?

Tomi: Ich kann es total verstehen, wenn du zum Beispiel hier den ganzen Arm voll hast und der andere Arm sieht nackt aus. Es ist, als ob ich vielleicht auch noch den anderen tätowiert brauche. Und wenn du dann auf Beine schaust: „Oh fuck, ich brauche hier auch etwas!“ Ich denke, einige der Leute werden süchtig nach dem Ritual, dem Schmerz. Ich weiß nicht, wie man das Gefühl beschreiben soll. Es ist wirklich ein sehr starkes Gefühl, dorthin zu gehen und jemandem zu vertrauen, der etwas Tinte in einen hinein sticht. Also, es ist irgendwie süchtig machend, aber ich kann nach diesem Moment leicht ohne Tattoos leben.

Also denkst du, dass du aufhören kannst?

Tomi: Ja, aber ich will nicht.

Im Moment ist es modern, sich tätowieren zu lassen. Viele Leute denken gar nicht darüber nach, dass sie das Tattoo das ganze Leben tragen müssen. Sie wollen cool sein und mit dem Strom schwimmen. Oftmals kommen sie zum Tätowierer mit der Aussage: „Zeigen Sie mir, was Sie haben“. Wie denkst Du darüber? Der Tätowierer arbeitet dann nicht mehr als Künstler, sondern wird zum „Massenproduzenten“.

Tomi: Ich denke, es ist dasselbe mit Musik, mit Underground-Musik. Alle fangen an, sich das anzuhören und du dann sagst: „Scheiß drauf, jetzt ist das nicht mehr cool.“ Das gilt irgendwie auch für Tattoos. Wenn man denkt, dass man Tattoos hat, respektiert man wirklich diese Kultur, die Kunst und den Schmerz, den man in Kauf nehmen muss, und dann kommt ein Leichtsinniger geht und lässt sich ein dummes Tattoo und man denkt, gut, dass ich ein wenig besser bin als der. Das ist Blödsinn.

Also, jeder kann sich tätowieren lassen, das ist okay. Ich weiß nicht, ob es eine gute Sache für die Tattoo-Kultur ist. Natürlich geht die Mode und kommt auch wieder. Wir wissen nicht, wie es in 10 Jahren sein wird, vielleicht mag dann niemand mehr Tattoos. Ich habe früher für die Stadt mit jungen Leuten gearbeitet und wollte einen Job bekommen, wo Kinder sind, die wirklich große Probleme haben. Aber ich hatte ein paar Tattoos und das war das Problem. Sie sagten, wir können keine Tätowierten einstellen. Das war wirklich ätzend, weißt du. Das ist fünfzehn Jahre her, und ich weiß nicht, wie es jetzt ist. Ich arbeite immer noch mit einigen Kindern und jetzt habe ich Piercing und Tattoos und es ist kein Problem. Einige Leute, einige alte Leute mögen immer noch keine Tattoos. Aber die Dinge ändern sich schnell. 

Früher herrschte die verbreitete Meinung, Tattoos seinen asozial. Man hatte Schwierigkeiten eine Anstellung zu finden. Hat sich diese Meinung heute geändert oder muss man noch immer mit Vorurteilen rechnen?

Tomi: Ich denke, es könnte sein. Wenn es eine Person gibt, die mich feuern würde, weil ich Tattoos habe oder wenn mein Chef denkt, dass ich nicht gut bin, weil ich Tattoos habe, ist das nicht der Ort, an dem ich arbeiten will. So ist das nun mal. Aber auf der anderen Seite, wer sich ein Tattoo machen lässt, muss wissen, dass es dieses Risiko gibt.

Zu guter Letzt … Was empfiehlst Du unseren Lesern, die ihr erstes Tattoo planen? Worauf sollten sie achten bzgl. Auswahl des Studios, des Tätowierers, der Stilrichtung? Welche Ratschläge hast Du?

Tomi: Ich weiß nicht. Vielleicht müssen sie eine Menge Geld haben. Jetzt ist es einfach, großartige Tattoo-Kunst im Internet zu finden. Das gab es nicht, als ich anfing, über Tattoos nachzudenken … Es gab nur Zeitschriften in einigen Geschäften und keinen anderen Orten. Jetzt ist es wirklich einfach, sich im Internet inspirieren zu lassen, viele tolle Bilder zu sehen. Also, ich denke, das beste, was man tun kann, ist, einige Homepages von Tattoo-Shops zu besuchen. Zum Beispiel lebe ich in Lohja mit ungefähr 15.000 Einwohnern und wir haben einige Tattoo-Studios dort, aber wenn man nach Helsinki geht, gibt es dort 40 Tattoo-Shops oder so. Also ist mein Rat ist, in eine Großstadt zu gehen und alle coolen Orte anzusehen. Nur nicht gleich den ersten Tattoo-Künstler ranzulassen. Aber auf der anderen Seite, scheiß drauf, du kannst es auch einfach selbst mit Nadeln und Tinte machen. Also, du kannst wählen.

Solche Ratschläge höre ich zum ersten Mal.

Tomi: Ja, scheiß drauf! Wenn du es tun willst, dann tu es. Ich bin nicht die richtige Person, um einen solchen Ratschlag zu geben.

Project by Daria Tessa and Daniela Vorndran, Interview by Daria Tessa

Pictures by Daria Tessa (https://www.facebook.com/tessaswelten)

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